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Meine Erfahrungen mit DBT-A

T, 17 Jahre

Therapiebericht 1
 
Ich war 4 Monate lang „clean“ gewesen, vier Monate ohne schneiden, ohne stechen, ohne Blut abnehmen. Es ging mir nicht gut dabei, und ich hab immer überlegt, ob ich nicht irgendwie Hilfe suchen sollte (als Kind hab ich schon mal wegen Problemen in der Familie eine Gesprächstherapie bei einer Kinderpsychologin gemacht und hatte so recht wenig Angst vor professioneller Hilfe). Dann kam der Abend, an dem ich, ausgelöst durch ein sehr triggerndes Ereignis, blind mit einem Teppichmesser auf einen Ball einschnitt – und abrutschte.
 
Die Ärzte in der Chirurgie waren alles andere als hilfreich. Ich brauchte Hilfe, aber außer der chirurgischen bekam ich keine. Ich hab dem einen Arzt meine Geschichte erzählt und er meinte nur, dass ich ja dann das Nähen kenne und er nichts mehr erklären müsse. Ein anderer hat mich gefragt, ob ich in Behandlung sei, er hat mich sogar gefragt, warum nicht. Eine Adresse an die ich mich wenden könnte, hat er mir nicht gegeben. Ich hab mich dann auch nicht mehr getraut zu fragen.
 
Die folgenden Tage war ich nervlich total am Ende, mir war klar, dass ich Hilfe brauche, dass es so nicht weitergeht. Als ich zum Verbandswechsel wieder in der Klinik war, hab ich allen meinen Mut zusammengenommen und gefragt, ob es da nicht jemanden gäbe, der mir helfen kann. Ich hab dann eine Telefonnummer in der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung der Uniklinik bekommen.
 
Als ich da angerufen hab, musste ich kurz sagen, worum es geht, und die Leute überzeugen, dass meine Eltern damit erst mal nichts zu tun haben sollten. Das war auch weiter kein Problem. Ich habe dann auch gleich einen Termin bekommen. Eine Woche nach dem unabsichtlichen Schnitt, der mich wieder so aus der Bahn geworfen hatte, hatte ich meinen ersten Termin bei Frau V. (Psychiaterin). Am Anfang ging es erst mal darum eine eindeutige Diagnose zu stellen. Ich musste auf viele Fragen antworten, Fragebögen ausfüllen, einen IQ Test machen und lauter solche Dinge. Das war teilweise bei Frau V. und teilweise bei einer Psychologin.
 
Während dieser Zeit (ca. ein Monat) habe ich mich immer wieder selbstverletzt. Frau V. fragte meistens, ob irgendetwas seit dem letzten Termin vorgefallen war, und meistens war es das. Großartig darüber geredet haben wir nicht, ich kam mir von der Frau auch nicht wirklich verstanden vor.
 
Es ging dann daran zu überlegen, welche Art von Therapie ich machen sollte. An unserer Uniklinik ist zur Zeit ein Projekt zur dialektisch behavioralen Therapie für Jugendliche (DBT-A) am laufen. Die Therapie ist für suizidale Jugendliche und solche die sich selbst verletzen. Sie besteht aus zwei Sitzungen pro Woche: Eine Sitzung ist mit dem jeweiligen Einzeltherapeuten, da geht es um akute Probleme, um Ursachen und darum sich selbst zu verstehen, also eine Art Gesprächstherapie. Die Zweite Sitzung ist eine Gruppensitzung mit anderen Jugendlichen und jeweils einem Elternteil. In der Gruppe geht es nicht darum irgendetwas von sich zu erzählen oder um gruppendynamische Prozesse. Es ist viel mehr ein Fertigkeitentraining, in dem man Verhaltensweisen lernt, mit denen man sich besser fühlt, mit Stress klar kommen kann, starke Gefühle verarbeiten kann etc. Ich habe mir lange überlegt, ob ich diese Therapie machen soll. Ich hatte Angst davor mit meiner Mutter in einem Raum zusammen eine Therapie zu machen, die Idee der Gruppe gefiel mir, aber mit meiner Mutter?
 
Was mich schließlich davon überzeugt hat die Therapie zu machen war, dass sich meine Mutter sowieso Sorgen machte (ich hatte ihr während meine „cleanen“ Zeit von meinem SVV erzählt und sie wusste auch, dass ich jetzt in der Uniklinik in Behandlung bin, weil es wieder angefangen hatte) und es vielleicht besser wäre, wenn sie was darüber lernt und damit besser umgehen kann. Ein anderer wichtiger Punkt war: Ich würde den Psychiater wechseln, da die DBT-A von einem festen Team durchgeführt wird, das darin ausgebildet ist, und Frau V. gehörte nicht zu diesem Team.
 
Mein neuer Psychiater, mit ihm hatte ich auch davor schon über diese Art der Therapie gesprochen, war Herr F. Dieser Mensch war mir schon vom ersten Augenblick an sympathisch, und ich hatte das Gefühl wirklich und echt richtig aufgehoben zu sein. Die Therapie an sich zeigt sich als sehr wirkungsvoll. Die Gruppensitzungen sind für mich zwar weiterhin schwierig, weil ich total gehemmt bin irgendetwas zu erzählen, solange meine Mutter im Raum ist, aber die andern Mädchen und Therapeuten sind sehr nett. Wirklich Neues lernen wir in der Gruppe nicht, eher Fertigkeiten, die man eh schon anwendet, gezielt anzuwenden, das zu beobachten und zu verbessern. Warum meine Mutter da mit drin sitzt, versteh ich nicht. Ich glaube, es ist, damit sie die Fertigkeiten auch kann und mir in Krisensituationen helfen kann. Dass ich aber alles andere als ein Vertrauensverhältnis zu meiner Mutter hab und mich bei Problemen nie an sie wenden würde haben die Ärzte wohl nicht bedacht.
 
Die Einzelsitzungen mag ich sehr gerne, zuvor bei Frau V. oder dieser Psychologin kam es vor, dass ich fröhlich in die Sitzung gegangen bin und völlig verwirrt und durcheinander herauskam. Einmal habe ich mich sogar direkt nach der Sitzung verletzt. Inzwischen ist es viel eher so, dass mich die Sitzungen unglaublich aufbauen, ich Hoffnung bekomme und egal bei welchem Problem auch immer am Ende daran glaube es lösen zu können.
 
Zu Anfang, und auch jetzt immer noch, bin ich oft in die Einzelsitzungen gegangen mit dem Bedürfnis mich mal richtig auszuheulen, doch das funktioniert dort nicht. In der Therapie wird nicht mit Mitleid etc. gearbeitet, auch wenn es hart ist, ich muss selbst etwas ändern. Ich muss mich verändern, ich muss hart an mir arbeiten, Fehlschläge verkraften und immer wieder Neues versuchen.
 
Herr F. hat wirklich eine Art mir unmissverständlich klar zu machen, ohne dass er es direkt sagt, dass alles was ich mache meine Entscheidung ist, und dass ich etwas ändern muss, damit sich etwas ändert. Es ist egal, wer einen in den Fluss geworfen hat, herausschwimmen muss man selbst, da hilft es nicht zu jammern oder den der einem das angetan hat zu verfluchen, man muss schwimmen und sehen dass man das Ufer erreicht. Ich bekomme also praktisch Hilfe um mir selbst helfen zu können. Jeden Tag muss ich eine Art Protokoll ausfüllen, wie es mir den Tag über ging, ob ich mich verletzt hab, Drogen oder Alkohol genommen hab, wie es mit der Suizidalität aussah und ob ich Schule geschwänzt oder riskanten Sex hatte. Diese Protokolle werden dann in den Einzelstunden durchgegangen und es wird nach Lösungen gesucht. Nach jeder Selbstverletzung muss ich eine Verhaltensanalyse schreiben. Anhand spezieller Leitfragen wird so herausgefunden, warum ich es in diesem Moment nicht geschafft habe.
 
Ich wurde nie gedrängt oder so mit dem SVV aufzuhören, die einzige Regel ist, dass es 24h nach einer Selbstverletzung keine Therapie gibt. Dann darf ich nicht kommen oder die Sitzung muss verlegt werden. Es kam von ganz allein, dass das SVV weniger wurde, einmal ist es recht aufwändig immer so eine Verhaltensanalyse zu schreiben und zum anderen sind die Fertigkeiten doch sehr hilfreich. Was mir auch sehr gut gefällt, ist, dass ich meinen Herr F. Wochentags bis 22.00 Uhr anrufen kann, wenn es Probleme gibt. Für später oder das Wochenende hab ich die Nummer von der Ambulanz bekommen, obwohl ich nicht glaube, dass ich mich trauen würde da anzurufen.
 
Abschließend möchte ich sagen, dass ich es jedem empfehlen würde sich helfen zu lassen. Zur DBT-A braucht man jedoch schon viel Energie und Durchhaltekraft, ohne eigenen Willen und Einsatz geht hier nichts. Es ist auch nicht gerade wenig Arbeit die diese Therapie mit sich bringt, zwei Stunden wöchentlich Gruppe + Hausaufgaben und eine Stunde wöchentlich Einzel + Hausaufgaben. Mir hat die Therapie vor allem wesentlich geholfen überhaupt den Willen und den Entschluss zu fassen etwas zu ändern. Es ist auch eine Art ständige Kontrolle, man wird zwar zu nichts gezwungen und niemand schimpft mit einem, aber es ist halt schon was anderes, wenn ich mich verletze und es niemand mitbekommt oder wenn, ich darüber mit meinem Psychiater spreche.
 
13.06.2002
 

Therapiebericht 2
 
Inzwischen steure ich auf das Ende meiner Therapie zu. Die DBT-A geht normalerweise 16 Wochen, bzw. 16 Gruppensitzungen. Da aber in den Ferien keine Gruppe ist dauert sie doch länger. Ich bin jetzt 23 Wochen in Therapie und habe noch einen Monat. Mir hat die Therapie wirklich geholfen "gesund" zu werden. Zwar habe ich immer noch sehr starke Stimmungsschwankungen, denke ans Verletzen etc., aber ich habe gelernt mich nicht mehr von diesen Gefühlen beherrschen zu lassen. Ich merke inzwischen sehr schnell, wann ich in ein Loch falle, und bin in der Lage davor etwas dagegen zu unternehmen, dagegen anzukämpfen und zu siegen. Selbstverständlich ist dafür sehr viel Wille und Willenskraft nötig, früher hatte ich diesen Willen nicht, durch die Therapie habe ich ihn jetzt.
 
Das oberste Therapieziel der DBT ist Suizidalität zu besiegen, danach kommt SVV. Alles was einem sonst wichtig ist und wogegen man etwas tun will, bestimmt man gemeinsam mit dem Einzeltherapeuten. Inzwischen geht es in den Einzelsitzungen bei mir nur noch sehr selten um SVV. Familiäre Probleme sowie Probleme in den zwischenmenschlichen Beziehungen und Ängste sind in den Vordergrund gerückt.
 
Ich habe solches Vertrauen in meinen Therapeuten, dass ich weiß, egal mit welchem Problem ich ankomme, es gibt eine Lösung oder zumindest eine Milderung, mit der ich gut leben kann. Manchmal hat mich der "Lösungswahn" von Herr F. richtig geschockt. Ich hatte ein Problem mit etwas, wollte darüber reden, wollte vielleicht einen Rat haben, aber dann sollte plötzlich meine Mutter mit in die Einzelstunde kommen, um meine Schwierigkeiten mit ihr zu lösen. Anfangs klang das sehr erschreckend, das Gespräch selbst war – wenn auch unangenehm – bei weitem nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe, und vor allem, es hat gewirkt. Solche Sachen haben mir sehr viel Mut gemacht und Sicherheit gegeben.
 
Manchmal habe ich immer noch das Bedürfnis mich einfach mal total hängen zu lassen, mich schlimm zu verletzen, den Kampf aufzugeben und einfach mal wieder den Gefühlen nachzugehen. Doch der Kampf gegen dieses Bedürfnis ist um einiges leichter geworden, es ist schon fast übertrieben Kampf dazu zu sagen.
 
Ich weiß, ich werde nie ohne schlechte Gefühle und schlimme Erfahrungen leben können. Ich weiß, ich bin sehr sensibel und anfällig für psychisches Leid. Ich kann aber inzwischen mit Schmerz umgehen und kann Probleme lösen. Dass ich nie so sein werde wie die Menschen, die nie solche Probleme hatten, ist klar. Aber ich kann so leben wie sie, so wie sie oder sogar noch besser, denn: Ich kann mit Problemen umgehen, Alltägliches kann mich schon gar nicht mehr aus der Bahn werfen, ich kann meine Emotionen regeln und auch, wenn es mal schlimmer werden sollte, ich weiß, da ist immer ein Ausweg und den werde ich dann auch finden!
 

Therapiebericht
 
Hätte ich meinen zweiten Therapiebericht ein Woche später geschrieben, so wäre er um einiges anders ausgefallen. Ich dachte, ich hätte inzwischen gelernt mich unter Kontrolle zu halten. Tatsächlich aber habe ich einen absoluten Kontrollverlust erlebt. Solche starken Schmerzen, psychische Schmerzen wie an diesem Abend hatte ich noch nie gehabt. Ich war nur froh um die Möglichkeit in der Psychiatrie anrufen zu können. Das hat mich gerettet, ich hab mit einem Arzt gesprochen, der mich wieder halbwegs auf die Beine gestellt hat. Ich denke die Gewissheit immer Hilfe zu bekommen und nie allein zu sein, ist bei einer Therapie sehr wichtig.
 
Danach hatte ich erst das Gefühl, dass es wieder bergab mit mir geht, doch mein Therapeut hat mich da rausgeholt, auch hatte ich Freunde, die mich unterstützt haben. Ich traue mich nie richtig meinen Freunden meine Schwierigkeiten zu erzählen, und wenn, dann nur so, als ob es gar nicht um mich ginge – unpersönlich irgendwie. Doch ich glaube, ohne Freunde würde ich es nicht schaffen, da könnte ich mich ja gleich wegschmeißen.
 
Seit zwei Wochen bin ich jetzt fertig mit der DBT-A. Ich hab ein Zertifikat bekommen, das mir die erfolgreiche Teilnahme bescheinigt. Es war ein komisches Gefühl mich von den anderen Mädchen aus der Gruppe zu verabschieden, ich hatte sie richtig liebgewonnen, gerade die letzten Sitzungen waren total entspannt und lockerer gewesen, es hat richtig Spaß gemacht. Nun bin ich da raus... Ich hab mir das überlegt, und in der letzen Sitzung hab ich Herrn F. einen Brief für jede der anderen mitgegeben. Ich möchte sie wiedersehen, hoffentlich melden sie sich.
 
In meiner letzten Sitzung? Ja, ich bin noch nicht wieder ins Leben entlassen. Nach fast einem halben Jahr Therapie habe ich mich es endlich getraut ein Problem anzusprechen, das ich schon seit inzwischen über einem Jahr mit mir herumschleppe. Ich hab einfach nicht glauben können, dass es dafür überhaupt eine Lösung gibt.
 
Herr F. hat das anderes gesehen. Phobie heißt dieses Problem jetzt. In etwa zehn weiteren Therapiestunden soll es gelößt, bzw. so minimiert sein, dass ich damit leben kann. Vorstellen kann ich mir das zwar nicht, aber ich bin überzeugt, dass da auch so klappt. Wahnsinnig froh darüber in ich, dass ich nicht den Therapeuten wechseln muss, ich glaube, dann würde ich sogar lieber gar nichts gegen die Phobie machen, weiter damit leben als mich noch mal auf jemanden neues einzustellen. Jetzt startet also die dritte Therapie in meinem Leben, der Feind heißt nicht mehr SVV, er heißt Angst. Es gilt die Angst zu überwinden, sie zu besiegen, denn: „Angst essen Seele auf“ (Spruchweisheit aus Afrika)
 
02.01.2003
 

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