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Ich habe mich entschlossen

Nick unbekannt

Ich habe mich entschlossen, meine Geschichte niederzuschreiben, weil ich hoffe so alle Gründe, alle Schmerzen und alle Ereignisse in meinem Leben, die mich damals dazu brachten, mich selbst zu Grunde zu richten, zu verarbeiten.
 
Wann genau ich das erste mal geritzt habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Es muss irgendwann in der 5. Klasse, da war ich so um die 11 Jahre alt, gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt bestand mein Leben aus lernen, schlafen, lernen, schlafen, lernen und,... .ach ja schlafen. Ich hatte nicht wirklich Freunde oder Hobbies, die wollte ich auch nie. Und dennoch war ich zu dieser Zeit noch so klein und unwissend, dass ich mich wieder davon abbringen konnte. Es war auch nicht sonderlich schwer und wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, kann ich froh darüber sein, in einem liebevollen und gutbehüteten Elternhaus aufgewachsen zu sein.
 
Doch vor ca. 2 Jahren hab ich wieder zum Messer gegriffen, aus dem wohl häufigsten und eigentlich dümmsten Grund von allen: wegen der Liebe. Ich wusste genau, dass Ritzen nicht richtig war und in der Gesellschaft mit verächtlichen Augen gesehen wird. Alle, die es nie getan haben denken in etwa: mein Gott, wie zerrüttet muss ein Mensch sein dass er sich das selbst antut? Was ist dieser Person nur wiederfahren? Doch die Antworten sind leider einfacher, als viele Außenstehende denken. Ein einziges verletzendes Wort kann manchmal schon ausreichen, um Betroffene in eine tiefe Depression zu stürzen. Ich kann nur die Gefühle beschreiben und hoffen, dass sie, wenn sie meine Gedanken lesen wenigstens halbwegs nachvollziehen können, welche Qualen, Freunden, Hochs und Tiefs ich während der letzten Jahre durchlebt habe. Ich gebe keinem die Schuld an meiner emotionalen Lage, doch leider muss ich feststellen, dass ich mich allein fühle, im Stich gelassen und verlassen. Von meiner Umgebung habe ich keine Unterstützung erhalten, erst als es fast zu spät war. Und trotzdem glaube ich nicht, dass auch nur ein einzelner Mensch im Geringsten eine Ahnung hatte, wie zerrissen ich innerlich war.
 
Wie schon gesagt habe ich wirklich angefangen mich selbst zu verletzen, also so, dass es durchaus als gefährlich eingestuft werden kann, als ich das erste mal wirklich geliebt habe. Eigentlich ist das eine wundervolle Erfahrung, doch für mich war es leider nicht so. Eher im Gegenteil, ich verfiel in tiefe Depressionen, als nicht alles so verlief wie ich es gerne gehabt hätte. Ohne frage, ich hatte zum Teil viel Spaß, und im Sommer ‘05 war ich wohl einer der glücklichsten Menschen, die man sich vorstellen kann, da ich mir Hoffnungen machte. Aber mal ehrlich: wenn sie Nächte lang mit einem Menschen telefonieren und kein Tag ohne einen Anruf vergehen würde, würden sie sich dann nicht auch Hoffnungen machen? Noch dazu, wenn allgemein bekannt ist, dass von ihrer Seite aus mehr als “Freundschaft” im Spiel ist. Aber so wie es jetzt scheint, hat er sich aus meinen Gefühlen einen kleinen Spaß gemacht. Er konnte ja nicht wissen, dass ich schon da seit fast ein einhalb Jahren fast täglich meine Arme solange aufschnitt, bis sie völlig taub vor Schmerz und blutrot waren. Woher auch? Ich hatte es ja niemandem erzählt und schon gar nicht ihm! Und trotzdem tat er, ohne zu wissen wie, immer das, was mich am meisten verletzte und somit griff ich wieder und wieder zu dem kleinen Messer, dass ich sorgfältig in meinem Kissenbezug verstecke, damit meine Mutter es nicht findet. Wenn ich mir die Arme oder Beine aufschneide, dann richtig. Solange, bis ich in einer Blutlache stehe oder wenigstens so lange, dass ich nichts mehr fühle. Nur in diesen Momenten habe ich das Gefühl, zu existieren. Ich werde mir meines Körpers bewusst und stelle fest dass ich noch lebe. Dass ich noch Körperlichenschmerz empfinden kann, wenn ich mich verletze. Denn physische Schmerzen bemerke ich schon lange nicht mehr, ich bin emotional abgestumpft und ich muss sagen, dass mir das ganz recht ist. Noch mehr Verluste, unerwiderte Gefühle, Verletzungen oder dergleichen könnte ich nicht ertragen. Und da ist die Lösung, einfach gar nichts zu fühlen wirklich schön.
 
Doch es blieb bei weitem nicht nur beim Ritzen, der weitverbreitetsten Form des SVV, es ging immer weiter. Irgendwann schlug ich Kopf und Fäuste gegen die wand, rammte mit verschiedene Gegenstände in die Magengegend, drückte Zigaretten auf meinen armen und Händen aus, aß nichts, erbrach mich, riss mir die Fingernägel so tief wie möglich ein,... Eigentlich fügte ich mir immer Schmerzen zu, und zwar auf jede Weise, die mir einfiel. Je brutaler die Methode, desto befreiter war ich hinterher.
 
Den Höhepunkt erreichte ich wohl im November ’05, als ich versuchte mich wirklich umzubringen. Ich konnte nicht mehr und schluckte 50 Schmerztabletten in der Hoffnung, sie würden auch gegen den Schmerz helfen, den er mir zugefügt hatte, quasi eine ähnliche Wirkung wie Antidepressiva zeigen. Doch mir wurde nur fürchterlich schlecht von all den kleinen Pillen. Mir ging es so elend, ich wollte nur noch sterben und so stand ich auf, lief zu unserem Arzneischränkchen und suchte die Schlaftabletten, die meine Mum irgendwann einmal verschrieben bekommen hatte. Es waren nicht mehr viele, ca. 12 Stck. Und ich schluckte sie, ohne nachzudenken, ohne etwas zu fühlen außer der unglaublichen Verletztheit. All diese Gefühle, die ich Jahre lang unterdrückt hatte stießen plötzlich zusammen und brachen mit voller Wucht über mir zusammen. Es wurde mir einfach zu viel. Wirklich verzweifelte ich erst, als all diese Tabletten nicht so wirkten, wie ich es wollte. Ich verlor die Kontrolle und suchte mit zitternden Händen nach allen Tabletten, die ich finden konnte. Ich raffte sie zusammen, zündete Kerzen an und drehte die Musik laut. Unser Lied. Wenn ich gestorben wäre, wäre dieses Lied mit mir in den Tod gegangen, und jeder hätte gewusst warum ich es getan hätte. Einen Abschiedsbrief schrieb ich nicht, ich konnte und wollte nicht. Man hätte nur auf meine Textdateien oder in mein Tagebuch schauen müssen, dann wäre alles klar geworden. Und so saß ich da, Stunden lang und schluckte alle Tabletten die ich gefunden hatte. Ich verlor das Bewusstsein, doch zu meinem Schrecken wachte ich wieder auf. Einfach so. Mir ging es unglaublich schlecht, wieder einmal. Ich konnte mich nicht bewegen, ich hörte nichts, sämtliche Körperfunktionen waren wie lahmgelegt. Hilflos wie eine Schildkröte auf dem Rücken lag ich auf dem Fußboden.
 
Nach einer solchen Aktion ging es mir immer besser. Zumindest eine Zeit lang. Doch heute ist das leider nicht mehr so. Es wundert mich immer noch, doch zu diesem Zeitpunkt bemerkte endlich jemand, wie schlecht es mir ging. Dieser jemand war meine beste Freundin, die anfing sich wirklich um ich zu sorgen. Nach etlichen langen Gesprächen, in denen sie mir diverse Male sagte, dass sie nicht länger mit ansieht, wie ich mich kaputt mache und dass sie, wenn ich nicht aufhöre Hilfe von außen dazu hole, wenn nötig auch von einem Psychiater, wurden mir die Auswirkungen, die mein Verhalten auch meine Umgebung spüren ließen, in ihrem ganzen Maße bewusst. Ich verletzte nicht nur mich,... Nicht nur ich litt sondern auch die, die davon wussten und hilflos zu sehen mussten, da ich keinen an mich heran ließ. Nach diesem Gespräch habe ich das erste Mal wirklich begriffen, dass ich so nicht weiterleben konnte und deswegen riss ich mich zusammen und der erste Schritt zum aufhören war, das Cuttermesser nicht mehr ständig griffbereit bei mir zu haben.
 
Ich verletze mich immer noch selbst, doch ich hab geschafft meine Aggressionen auch gegen andere Gegenstände als meinen Körper zu richten. Und ich habe es geschafft, mich auf das Ritzen zu beschränken, da ich es als “am befreiernsten” empfinde. Aufgehört habe ich noch nicht, doch mit einer Einsicht, nämlich dass ich so nicht weiterleben kann/will und dass mein Leben zu wertvoll ist, als es wegen einem Jungen, den ich zwar liebe (ich tu es immer noch und weiß nicht warum), aber der sich nicht um meine Gefühle schert und mich immer nur verarscht hat, wegzuwerfen. Und auf diese Einsicht folgte eine weitere, nämlich die, dass ich mein Leben auf die Reihe kriegen muss. Noch kann ich nur davon träumen wie ein normales Mädchen zu leben, doch ich werde mich zusammenreißen und mit Hilfe meiner Freunde und Familie hoffe ich, es irgendwann zu schaffen. Und doch, während ich grob von meinen Erlebnissen schreibe, sitze ich hier und wieder läuft Blut über meinen Arm. Und damit wären wir am Anfang meiner Ausführungen, nämlich bei der Gesellschaft, die nicht im geringsten weiß, wie viele ihrer Mitglieder Betroffene sind! Ich appelliere nicht oft an die Menschheit, in die ich schon so früh meinen Glauben verlor, aber dieses eine Mal tue ich es: Schließen sie nicht die Augen! Helfen sie, wo sie helfen können und achten sie vor allem darauf, niemanden zu verletzen. Denn die Menschen, die noch so stark und gefühlskalt erscheinen scheinen, sind meist die, die am meisten verletzt sind und innerlich am sensibelsten reagieren.
 
20.02.2006
 
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