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I'm the best at ruining my life

Fertigmensch, 17 Jahre

Ich weiss gar nicht mehr, warum genau ich mich das erste Mal verletzt habe.
 
Ich war 12 und jammerte mal wieder mein Tagebuch über meine verfluchte Mutter, über die verfluchte Welt und über mein verfluchtes Ich zu. Mit einer Nähnadel ritzte ich mir die Worte "nie wieder" in den Oberschenkel, womit ich meinte, dass ich nie wieder jemanden, und vorallem nicht meine Mutter, an mich heranlassen wollte.
 
Meine Kindheit verlief eigentlich relativ normal. Ich wuchs mit meiner Mutter und meiner 3-Jahre-jüngeren Schwester im Haus meiner Grosseltern auf. Meine Eltern trennten sich als ich 10 war, ohne dass wir Kinder viel mehr als die üblichen Streiterein mitbekamen. Das war kein grosses Problem für mich; ich hatte nie eine besonders innige Beziehung zu meinem Vater, da er seines Berufes wegen eh nur am Wochenende bei uns war. Vielleicht war meine Mutter einfach nur überfordert als alleinerziehende, berufstätige Mutter, oder ich war mit der Pubertät überfordert. Höchstwahrscheinlich beides.
 
Bei der Beziehung zu meiner Mutter fehlt mir jegliche Erinnerung bis etwa zum Schulwechsel aufs Gymnasium, ab da habe ich aber auch nur negative Erinnerungen. Sie verstand mich nicht, ich liess sie nicht an mich heran, sie resignierte, ich fühlte mich wie der einsamste mensch auf der welt, der einzige Halt waren meine Freundinnen usw. usf. - eigentlich schon fast das übliche in diesem Alter. Ich weiss wirklich nicht, wieso damals alles so schief ging.
 
Die Schnitte in meinen Unterarmen bemerkte zuerst eine Freundin, der ich anfangs überhaupt nicht erklären konnte, wieso ich das gemacht habe. Nach vielen Gesprächen kam eine andere Freundin, die dann auch "eingeweiht" wurde, auf die Idee, mich ans Jugendamt zu wenden, weil ich nur noch eins wollte: weg von meiner Mutter, weg von zu Hause. Da blieb es allerdings bei einem Gespräch mit einer Sozialarbeiterin, weil mir klar wurde, dass das alles doch nicht so einfach ist. Eine Freundin, die bei diesem Gespräch dabei war, machte diese Sozialarbeiterin noch auf meine Verletzungen aufmerksam, aber darauf reagierte diese nicht wirklich.
 
Kurz darauf sah auch meine Mutter die damals noch harmlosen Schnitte, weil sie in unser Badezimmer kam, als ich mich gerade umzog. "Was ist das denn? Spinnst du? Wir gehen sofort morgen zum Arzt!"
 
Der Arzt war meine Kinderärztin, in deren Zimmer ich in Tränen ausbrach, als sie fragte, wieso ich das mache. Ich fühlte mich total überfordert, wusste nicht, was alle von mir wollten, was ich da gemacht hatte und wieso alle so scheinbar unverständlich reagierten (zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von SvV oder ähnlichem gehört).
 
Die Ärztin überwies mich an einen Kinderpsychologen, zu dem meine Mutter und ich fortan einmal in der Woche gingen. Eine halbe Stunde sie, eine halbe Stunde ich. Ich glaube im zweiten Gespräch fragte er mich, ob ich manchmal über Selbstmord nachdachte. Ich antwortete: "natürlich, das macht doch jeder Mal, deshalb ist das noch lange nicht mein Ziel". Das entsprach sogar der Wahrheit, was er wohl anders sah. Er riet meiner Mutter, sie solle sofort einen Krankenwagen rufen, wenn ich mich in meinem Zimmer einschliesse, der mich dann in eine Psychiatrie bringen sollte. Für mich damals und eigentlich noch heute der totale Quatsch.
 
Zu diesem Anruf meiner Mutter kam es allerdings (leider?) nie, weil ich kurz darauf total naiv beschloss, von zu Hause abzuhauen. Sommerferien, Rucksack, Geld und Tschüss. In unserer Innenstadt merkte ich dann erstmal, dass das Ganze wohl doch etwas unüberlegt war und rief eine damalige gute Freundin an, die mitunter dadurch die wichtigste Person in meinem Leben wurde, ob ich einige Zeit bei ihr bleiben könne. Alles klar, eine Nacht ginge, wir verabredeten uns für den Abend bei ihr.
 
Davor allerdings, und das hätte ich mal wirklich lieber gelassen, sprach ich einige Obdachlose auf ihrem Stammplatz in unserer Stadt an, ob sie wüssten, wo ich schlafen könnte. Sie machten mich mit einem Mann bekannt, der versprach, sich bei einer Freundin zu erkundigen. Ich fand das damals alles recht "cool" und ging mit ihm. Er wohnte in einem dieser "Bunker", die es wohl in jeder Stadt gibt und in der Obdachlose, Junkies und Ex-Sträflinge kurzzeitig untergebracht werden. Die erste Nacht verbrachte ich bei meiner Freundin, die zweite bei einer Frau, die aufgrund ihrer Heroinsucht mit diesen Leuten Kontakt hatte, und die Tage und weiteren Nächte bei Tom, diesem Typ.
 
Meine Mutter versuchte nicht einmal, mit mir Kontakt aufzunehmen, und als ich nach ungefähr 14 Tagen wieder nach Hause kam, schüttelte sie nur verächtlich den Kopf und fragte nicht mal, wo ich gewesen war. Das war's mal wieder für mich. Seitdem verbrachte ich meine ganze Zeit entweder bei Tom oder in der Stadt mit ihm und den anderen Obdachlosen. Niemand dort hielt mich für zu jung oder machte mir Vorschriften, ich war "frei" und fühlte mich ganz gut. In dieser Zeit habe ich mich nur sehr selten geschnitten.
 
Etwa ein paar Tage vor Schulbeginn, als ich wie immer damals angetrunken und bekifft bei Tom in seinem "Bunker" sass, überredete er mich, mit ihm zu schlafen. Wobei "überredete" der falsche Ausdruck ist - er hat es einfach gemacht und ich habe mich nicht gewehrt und auch nichts gesagt, obwohl ich es nicht wollte. Ich war damals immer noch 12 und er 38, Alkohol-, Heroin-, Methadon- und wasweissichnichtalles-süchtig.
 
Ich weiss nicht, warum ich nach diesem Abend immer noch zu ihm ging; der immer noch eigentlich unfreiwillige "Sex" wurde zur Normalität und ich war immer öfter bekifft oder betrunken. Zu anderen Drogen habe ich mich zum Glück nie überreden lassen.
 
Das Ganze endete nach ungefähr einem halben Jahr, ich war inzwischen 13, als er in der Stadt festgenommen wurde, weil er seine zweite Haft nicht angetreten war. Ich weiss nicht, wieso und wozu genau er verurteilt wurde und ich will es auch gar nicht wissen. Ich bin froh, dass ich dadurch den nötigen Abstand bekam.
 
Mit meiner Mutter hatte ich inzwischen überhaupt keine Beziehung mehr. Auch fast alle Freundschaften zerbrachen und ich will nicht wissen, was man sich damals in der Schule über mich erzählte, da ich ja fast nur geschwänzt habe und man mich immer mit "diesem Penner" sah.
 
Ich trieb mich bloss noch irgendwo rum, kam nur zum schlafen nach Hause und begann wieder, mich selbst zu verletzen, schlimmer denn je. Jeden Tag, und bald fand ich keine "freien" Stellen mehr. Den Sportunterricht schwänzte ich sowieso und es fiel auch nicht sehr auf, dass ich immer lange Hosen und Pullover anhatte.
 
Nach ungefähr einem Jahr ging es mir besser. Meine Freundin und ich hatten nun total zueinander gefunden, alles war Okay. Ich schnitt mich nur noch sehr selten, hatte die Vergangenheit scheinbar erfolgreich verdrängt und mein einziges Problem damals war meine Mutter, mit der immer noch alles schief lief.
 
Mitte der 9. Klasse kam irgendwie alles wieder hoch. Ich weiss nicht, was der Auslöser dafür war. Vielleicht der Wechsel in eine neue Klasse, in der mir nur meine Freundin geblieben war, oder vielleicht auch die Überforderung in der Schule. Ich fühlte mich nur noch schlecht, hatte Angst in die Schule zu gehen, hatte überhaupt vor allem und jedem Angst und entwickelte einen abgrundtiefen Ekel gegen alles, was mich auch nur im entferntesten Sinne an meine Vergangenheit erinnterte..somit auch gegen mich selbst.
 
Ich fing wieder an, mich zu schneiden, diesmal "bewusst" um alles Gefühl in mir zu töten, mal auch nur weil der Schmerz danach so gut tat, mal weil ich mich sowieso hasste,..ich fand immer einen Grund, und trotzdem hasste ich mich danach noch viel mehr.
 
Irgendwann ging ich einfach nicht mehr in die Schule. Meiner Mutter war das dann auch egal, "sie hatte ja alles mit mir versucht". Ich wechselte nach der 9. Klasse auf dem Gymnasium auf die Berufsschule und machte ein Berufsvorbereitungsjahr, in dem eigentlich alles ganz gut lief. Neue Bekanntschaften, mehr Selbstständigkeit, endlich wieder gute Noten.
 
Ich fühlte mich sicher, hatte gute Freunde in der Schule, meine beste Freundin, die die 9. Klasse auf dem Gymnasium wiederholte, unsere Clique und in der Schule war ich die Klassenbeste. Ich wollte danach die 2-jährige besuchen, anschliessend mein Abitur machen und fertig.
 
Das kam allerdings etwas anders, als ich einen Prüfungstermin buchstäblich verpennte, und deshalb nicht bestand. Ich musste das BvJ wiederholen, was mir so unendlich peinlich war. Bei meinen Freunden erzählte ich, ich wäre ganz normal in die 2-jährige gekommen und alles liefe super. Nicht mal meiner besten Freundin erzählte ich die Wahrheit. Dieses zweite Jahr brach ich schon nach einigen Wochen ab - ich ging einfach nicht mehr hin.
 
Meine Mutter hatte völlig resigniert, machte mir nur Vorwürfe und versteht bis heute nicht, "wieso ich meine zukunft einfach so weggeworfen habe". Ich hing nur zu Hause rum, hielt die unwahre Story aufrecht, kapselte mich von fast allen und allem ab und fing mal wieder an mich zu verletzen.
 
Das ist jetzt so ziemlich genau ein Jahr her.
 
Ich schneide mich immer noch, habe kaum Respekt vor meinem Körper und gehe erst seit ein paar Monaten wieder zur Schule bzw. zu einem Vorbereitungskurs zum Hauptschulabschluss der Volkshochschule.
 
Weil meine Mum mich schon oft vor die Tür setzte, habe ich inzwischen regelmässigen Kontakt mit dem Jugendamt und vorallem mit einer Jugendberaterin, die veranlasst hat, dass ich demnächst von zu Hause ausziehen kann, in eine Einrichtung vom Jugendamt in der ich vielleicht endlich mein Leben leben kann, auch wenn die wahrscheinliche Entfernung von meinen Freunden so sehr schmerzt, dass ich am liebsten aufgeben würde.
 
Diese ganze Geschichte kennt ungekürzt niemand, und auch niemand weiss, dass ich mich immer noch schneide und inzwischen auch in eine Essstörung "reingerutscht" bin.
 
Manchmal fühle ich mich richtig gut. Ich drehe auf, fliege in den Himmel und falle dann doch wieder. Manchmal schaff ich es tagelang nicht nachzudenken, und manchmal stehe ich stundenlang in der Dusche und versuche alles abzuwaschen. Manchmal betrinke ich mich, und manchmal fange ich an zu zittern, wenn jemand anderes betrunken ist. Manchmal könnte ich die ganze Welt umarmen, und manchmal hasse ich einfach alles. Manchmal lache ich weil ich wirklich glücklich bin, manchmal sehe ich in jedem Menschen diesen einen verwahrlosten Menschen. Manchmal denke ich gerne an alte Zeiten, manchmal möchte ich die ganze Stadt, unser Haus und mich abfackeln, weil alles mich erinnern lässt. Manchmal läuft alles gut, und manchmal weine, schreie und blute ich, weil ich nicht weiter weiss. Manchmal liebe ich mein Blut, und immer hasse ich meine Narben.
 
Ich hasse meine Narben, weil sie mich an nur schlechtes erinnern und ich hasse mich, weil ich mir mein bisheriges Leben versaut habe, weil ich mich selbst nicht verstehe, weil ich zu niemandem wirklich offen bin und weil ich mir nicht eingestehe, dass ich ein Problem habe. Aber ich werde niemandem den Gefallen tun, mich von dieser Welt zu verabschieden, denn irgendwann muss es ja mal aufwärts gehen, oder nicht?
 
Lasst euch von niemandem sagen, wer, was oder wie ihr seid. Schaut euch an, ihr habt alle Respekt verdient. Ihr seid nichts weiter als wundervolle, hilflose Wesen in einer viel zu grossen Welt.
 
Vielen Dank für euer Interesse und eure Zeit.
 
28.11.05
 
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