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a.Ura und das Schneckenhaus

a.Ura, 16 Jahre

Ebenfalls neu- Hallo, ich bin a.Ura, und ich habe ein Problem...
Ich habe vor 1 1/2 Jahren angefangen, mich selbst zu verletzen, indem ich mir mit einem Cuttermesser in den Unterarm schnitt. Ich tat es nur selten und damals nicht aus dem Motiv heraus, meinen seelischen Schmerz zu betäuben. Jedes Mal wurde ich von einer Lethargie befallen, griff wie in Trance zum Cutter und schnitt mich. Danach fiel alles von mir ab und ich starrte verblüfft auf die blutenden Schnitte. Meine Narben waren -im Vergleich zu den heutigen- lächerlich. Ich hatte damals eine Freundin und wurde in der Schule gemobbt, weil ich eine Klasse übersprungen hatte. Ich ging damals in die 10te Klasse eines katholischen Privatgymnasiums und war gerade erst vierzehn Jahre alt.
Mit der Moral meiner Schule und ihren strengen Wertvorstellungen kam ich schwer klar. Ich hörte Janis Joplin und psychedelische Hippiemusik, lief barfuß und trug Federn und Perlen im Haar. In den achten Jahrgang meiner Schule ging ein Mädchen, Paula, stets umgeben von einer Clique aus etwa 10 Jungen, die ich sehr bewunderte. Alle kannten sie, sie war außergewöhnlich schön und strahlend und lief anders rum- wie ich. Ihre Clique bestand aus Schwarzgekleideten, Punks und Alternativen. Ich wünschte mir damals so sehr, ihre Freundin zu sein, dass ich schon glaubte, ich sei in sie verliebt.
Vor einem Jahr lernte ich sie durch einen Zufall in der Stadt kennen, und seither waren wir Freundinnen. Sie erzählte mir bereits beim ersten Treffen, dass sie sich ritzte. Ich kam in ihren Freundeskreis und stellte fest, dass SVV hier ganz "normal" war- unser Freundeskreis besteht aus 15 Leuten. Neun davon schneiden sich mit Rasierklingen, einer setzt sich ein heißes Bügeleisen auf die Unterarme und zwei hatten bereits Erfahrungen mit SVV gesammelt. Nur drei waren gänzlich unberührt von SVV. Hier, wo Ritzen Normalität war, tat ich es immer häufiger. Diese Leute verstanden mich, ich konnte mit ihnen reden, und zwischen uns herrschte ein außergewöhnlich inniges Verhältnis. Wir umarmten und küssten uns spontan und liefen alle stets in einer Kette aus fünfzehn Leuten händchenhaltend herum.
Wir trafen uns fast täglich- zu den Bandproben der Metalband, in der vier Leute spielten, um am See Gitarre zu spielen oder einfach zu reden. Über Paula lernte ich Gothic und Metal näher kennen und ging auf in dieser Musik. Als ich das erste Mal "Narben" von Subway to Sally hörte, begann ich am ganzen Körper zu zittern. "...Mit der Klinge fahr ich langsam meinen Unterarm hinauf... dann ein Schnitt!-klein und flach; und die Welt um mich blüht auf/ Schmerz schärft alle meine Sinne, jede Faser ist gestimmt, und ich hör den Körper singen wenn der Schmerz die Last mir nimmt..." Ich begann, mich je nach Stimmung schwarz zu kleiden oder weiterhin in meinen Hippiekleidern herum zu laufen.
In meiner Familie ging damals alles drunter und drüber, und wir machten eine Familientherapie. Doch als eines Tages alles eskalierte, packte ich meine Sachen und fuhr mit dem ZUg nach Amsterdam, wo ich bei einem Hippie unterkam. Ich blieb fast eine Woche weg und wurde in den Nachrichten gesucht. Man griff mich schließlich- voll auf LSD- auf und brachte mich nach Hause. Wegen diesem Vorfall musste ich die Schule wechseln und kam auf ein staatliches Gymnasium in die elfte Klasse.
Paula stand mir bei, und die Clique wurde neben Musik mein einziger Halt.
Dann wollte ich mich umbringen. Ich schrieb einen Abschiedsbrief, legte "Ein Herz und eine handvoll Asche" von Samsas Traum auf und schnitt mir die Pulsadern auf. Meine Mutter fand mich. Ich kam ins Krankenhaus und ging bereits drei Tage später wieder zur Schule. Ich kapselte mich ab- sogar von Paula. Eines Abends saß ich am Brunnen in unserer Altstadt -es war September- und hatte den Kopf zwischen den Knien vergraben. Es war wieder ein Moment, in dem ich sterben wollte. Meine beste Freundin war für ein Jahr in Südafrika, und Paula konnte ich gerade nicht sehen. Es tat mir weh, mich in ihr zu erkennen. Plötzlich ging vor mir jemand in die Knie- ein Schatten. Ich blickte auf und sah dunkles, langes Haar, das der Person gänzlich ins Gesicht fiel, schwarze Kleidung und einen dünnen Körper. "Du siehst traurig aus.", sagte der Jemand. Ich zuckte die Achseln. Wollte nicht reden. "So eine schöne Nacht. Vollmond. Lass uns spazieren gehen." Ich schüttelte den Kopf. "Warum nicht?", fragte der Andere. "Ich will allein sein." "Lass uns zusammen allein sein- da schau, der Mond!" Jetzt blickte ich meinem Gegenüber doch ins Gesicht, das heißt, ich versuchte es, doch sein Haar verbarg alles. "Ich seh nicht mal dein Gesicht.", murmelte ich. "Ich heiße Milan.", sagte der Junge nun. "Komm." Und ich stand auf, ich weiß nicht warum, und wir gingen spazieren.
Ich hätte um zehn zuhause sein sollen, doch ich kam um zwei. An diesem Abend redeten wir stundenlang. Über Musik (auch er hörte Subway, Samsas Traum, Schandmaul, In Extremo, System of a Down, Blind Guardians oder Finntroll und Eisregen). Über Familie. Seine Eltern waren beide Chefärzte und sehr reich, meine (nicht lachen) Therapeuten. Über Selbstverletzung- er ritzte sich ebenfalls. Über Tod und die Nacht und den Mond und darüber, dass wir doch schizophren sein könnten und uns den andern nur einbildeten. Nach diesem Abend wusste ich, dass ich Milan liebte. Wir sind ein Paar, seither, und die Magie hält an. Im Februar sah meine Mutter meinen Arm. Er war noch viel schlimmer geworden, übersät mit Narben, kreuz und quer, dick und rot. Sie rastete völlig aus und war total wütend auf mich. Ich bekam etliche Verbote und musste eine Therapie machen. Meine Mutter kaufte Narbencreme und befahl mir, meine Arme damit einzucremen und es niemandem zu zeigen. Ich tat, als verwendete ich sie, denn ich l iebte meine Narben. Durch Milan hatte sich mein Verhältnis zu Schönheit gänzlich geändert. Sein Zimmer war schwarz gestrichen, er duldete nur Kerzenlicht, und an den Wänden hingen Blutbilder. Meine Narben waren Trophäen geworden, verheilt erinnerten sie mich an dunkle Zeiten, die ich überstanden hatte. Milan küsste jedes Mal jede einzelne, wenn ich bei ihm war. Vor zwei Wochen hat er bei mir übernachtet. Als meine Mutter morgens reinkam, und er nur Boxershorts an hatte, sah sie seine Narben.
 
Sie hat mir den Kontakt verboten. Den Kontakt zum einzigen Menschen, den ich je geliebt habe. ZU dem, der mir Gesichte schrieb, der mich wie eine Königin behandelte, der mich hielt und mir Liebe gab.
 
Was soll ich tun?
Ich habe versucht, mit ihr zu reden. Das Leben ist ein Schneckenhaus.
Meine Mutter hat auch mit seinen Eltern geredet, doch sie wissen es und haben ihn nach zwei erfloglosen Therapien abgeschrieben. Solange er gute Noten in der Schule schreibt, dulden sie alles. Paula und die Clique darf ich auch nicht mehr sehen, da Milan nun auch mit ihnen befreundet ist. Ich verstehe meine Mutter nicht. Sie ist Psychologin und betreut u.a. Borderline-Fälle usw., doch trotzdem handelt sie völlig unwissend. Sie hat mir sogar ein Ultimatum gesetzt: "Entweder du hörst in sechs Wochen auf, oder ich lasse dich einweisen." Ich mache doch gerade eine Therapie! Sie weiß doch, dass Erfolg nicht von heute auf Morgen kommt! Mein Vater ist distanziert und kühl. Meine Schwester glaubt, unsere Katze hätte mich malträtiert.
Um sie zu täuschen, ritze ich mich nun an den Beinen.
Ich bin gerade so gleichgültig. In mir drin so traurig, doch ich kann nicht mehr weinen, darum sind meine Tränen rot. Gestern bin ich kurzärmlig zur Schule gegangen. Sollen alle es sehen! Es ist mir egal, alles egal... Heute abend gehen meine Eltern aus. Ich werde Milan heimlich treffen.
 
Das war meine Geschichte. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann leb´ ich auch noch morgen.
 
22.08.05
 
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