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SVV/Essst÷rungen - Mein Leben

Lynn, 14 Jahre

Ich wei├č gar nicht mehr genau, wie das alles anfing. Ich glaube vor ca. 4 Jahren. Bei meiner Mutter wurde MS, Multiple Sklerose, festgestellt. Sie und auch der Rest der Familie wurden mit der Situation nicht fertig. Zu Hause wurde alles schwieriger. Es gab viel Streit und ich musste mich auch immer mehr um meine 4 Jahre j├╝ngere Schwester k├╝mmern, weil meine Eltern viel zu sehr mit sich selbst besch├Ąftigt waren. Ich war damit ├╝berfordert. Ich wurde schlechter in der Schule, vernachl├Ąssigte meine Freunde und zog mich immer mehr in mich zur├╝ck. Irgendwann las ich in einer Zeitschrift einen Brief von jemandem, der sich ritzte. Er beschrieb dieses warme, erleichternde Gef├╝hl, dass er beim Ritzen f├╝hlte. Ich hatte mich schon lange nicht mehr gut gef├╝hlt. Immer war ich nur traurig oder f├╝hlte mich einsam, denn inzwischen hatte ich fast keine Freunde mehr, da viele mich f├╝r ÔÇ×seltsamÔÇť hielten, weil ich eben irgendwie anders und stiller geworden war. Irgendwann probierte ich es einfach aus. Zum ersten Mal seit langem f├╝hlte ich mich wieder gut. Es war so erleichternd, alles andere f├╝r eine kurze Zeit zu vergessen, auch wenn das Gef├╝hl nicht lange anhielt.
 
Inzwischen wurden die Probleme zu Hause immer schlimmer. Meine Mutter fing an mich zu schlagen, meine Eltern stritten sich dauernd und drohten sogar mit Scheidung. Immer ├fter griff ich nun zur Rasierklinge und ritze mich, um mich wenigstens f├╝r einen kurzen Augenblick besser zu f├╝hlen. Immer tiefer schnitt ich mich in Arme, Beine und Bauch, damit das Gef├╝hl m├glichst lange anhielt. Ich fing in dieser Zeit auch an zu rauchen, schluckte heimlich die Antidepressiva meiner Mutter und trank ziemlich viel Alkohol. So ging es eine Zeit lang weiter. Ich versteckte meine Wunden und Narben und wenn mich im Sportunterricht in der Umkleide, wo ich sie nicht immer verstecken konnte jemand darauf ansprach erfand ich Ausreden. Irgendwann begann ich mich wieder zu ver├Ąndern. Ich wurde aggressiver, schlug mich manchmal auch mit anderen Mitsch├╝lern.
 
Am 30.April 2002 starb dann meine Oma. Sie war die einzige aus der Familie, mit der ich mich noch verstanden hatte und bei der ich mich wohl f├╝hlte. Ich fing wieder an, mich mehr zu ritzen, was in letzter Zeit ein bisschen weniger geworden war. Einige Tage nach der Beerdigung fingen dann auch meine Essst├rungen an. Ich wei├č nicht genau warum. Ich hatte mich nie f├╝r zu dick gehalten, aber ich konnte einfach nicht mehr essen. Wenn ich doch a├č, weil meine Eltern mich dazu zwangen, steckte ich mir danach h├Ąufig den Finger in den Hals. Ich wollte es eigentlich gar nicht, aber ich musste aus irgendeinem Grund. Ich konnte nicht anders. Ich wurde immer d├╝nner, ritzte mich immer mehr und tiefer und fing auch an, Zigaretten auf meiner Haut auszudr├╝cken, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen und mir Lippen und Fingerkuppen blutig zu bei├čen.
 
Die Sommerferien 2002 waren dann der Horror. Ich machte mit meiner Familie Urlaub in Italien. Dort fielen meinen Eltern zum ersten Mal meine Narben an den Armen auf. Wie immer erfand ich Ausreden. Ich war inzwischen gut im L├╝gen. Da meine Eltern keine Lust hatten, sich um mich sorgen zu m├╝ssen, waren sie dankbar f├╝r meine Ausreden und lie├čen mich in Ruhe. Etwa eine Woche sp├Ąter aber dann brach ich auf der Stra├če zusammen, als wir grade ├╝ber einen Markt liefen. Ich kippte einfach so um. Ich war inzwischen total abgemagert, meiner Periode kam schon seit einiger Zeit nicht mehr und ich hatte oft Schwindelanf├Ąlle, wurde ab und zu sogar, wie an diesem Tag, ohnm├Ąchtig. Ich kam ins Krankenhaus und wurde dort einige Tage lang k├╝nstlich ern├Ąhrt. Die zwei Wochen Urlaub waren bald vorbei und wir mussten zur├╝ck nach Deutschland. Meine Eltern versprachen den ├ärzten, mich in Deutschland wegen der Essst├rungen behandeln zu lassen und nahmen mich mit.
 
Ich wurde nat├╝rlich in keine Therapie geschickt. Stattdessen zwangen sie mich zum Essen und kontrollierten, dass ich mich danach nicht erbrach. Ich tat es immer noch so oft wie m├glich und fing aber zus├Ątzlich noch an, Abf├╝hrmittel zu nehmen, um weiter abnehmen zu k├nnen. Es war der schlimmste Sommer, den ich bisher je hatte. In diesen Ferien beging ich auch meinen ersten Selbstmordversuch. Ich schnitt mir die Pulsadern auf. Jedoch hatte ich damals noch keine gro├če Ahnung davon und schnitt sie deshalb dummerweise quer und nicht l├Ąngs auf. Meine Mutter fand mich und verarztete mich, ohne mich ins Krankenhaus zu bringen. Sie wollten nur keinen Stress mit mir haben. Nach den Sommerferien kam ich in eine neue Klasse. Vieles wurde besser. Ich war nicht mehr so still, wie ich es nach dem Tod meiner Oma wieder geworden war und hatte Freunde in meiner Klasse. Mir ging es viel besser. Ich begann mit Hilfe einer Freundin wieder einigerma├čen normal zu essen und ritzte mich nicht mehr ganz so h├Ąufig, schaffte es aber nicht ganz, es vollkommen zu lassen. Eine Lehrerin bekam auf einer Freizeit mit, dass ich mich ritzte und wendete sich an meine Eltern. Sie riet ihnen, mich deswegen zu einem Psychiater zu schicken. Jetzt wo die Schule etwas davon wusste, mussten meine Eltern etwas tun und schickten mich tats├Ąchlich zu einem. Zum Gl├╝ck (?!) wussten sie aber nur von meinem Verletzungen an den Armen, die in letzter Zeit ja auch nicht mehr so viele waren, da ich eher auf Bauch und haupts├Ąchlich die Beine ├╝bergegangen war und diese Brandwunden und Schnitte immer gut versteckte. Selbst dem Psychiater erz├Ąhlte ich L├╝gen und Ausreden, wie es zu den Verletzungen gekommen war. Auch dieses Mal klappte es. Nach einigen Sitzungen wurde ich f├╝r ÔÇ×psychisch gesundÔÇť erkl├Ąrt und hatte meine Ruhe. Aus irgendeinem Grund bin ich noch heute stolz auf dieses ÔÇ×psychisch gesundÔÇť. Das hei├čt doch, ich bin nicht verr├╝ckt, oder!?
 
Heute w├╝nsche ich mir, ich h├Ątte diese Chance damals angenommen und die Wahrheit erz├Ąhlt. Vielleicht w├Ąre ich dann heute nicht mehr in diesem Teufelskreis der Selbstverletzung gefangen.
 
Die n├Ąchsten zwei Jahre ├Ąnderte sich nichts Grundlegendes in meinem Leben. Ich hatte einige Beziehungen, die aber nie lange hielten. Ich hasste mich selbst einfach zu sehr um mich lieben zu lassen. Au├čerdem weigerte ich mich jedes Mal, meinem verschiedenen Freunden zu erz├Ąhlen, wie es zu meinen Verletzungen kam, worauf hin immer alle beleidigt waren und es wohl als pers├nliche Beleidigung auffassten. Deshalb gingen alle diese Beziehungen nach kurzer Zeit in die Br├╝che. Auch hatte ich wieder immer weniger Freunde, da die meisten nun mitbekommen hatten, dass ich mich ritzte und meinten, ich w├╝rde dies tun um Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und sich deshalb von mir abwandten. Ich ritzte, biss und verbrannte mich weiter, rauchte, nahm Tabletten, kiffte und trank. Alles immer h├Ąufiger und extremer. Ich beging in diesen zwei Jahren noch drei weitere Selbstmordversuche. Ich wei├č wirklich nicht, warum es nie geklappt hat. Daran, dass ich es nicht wirklich versucht h├Ątte, konnte es nicht liegen. Ich wollte damals wirklich sterben.
 
Vor ca. einem Jahr fing ich dann an goth und metal zu h├ren und lief nur noch in schwarz rum. Ich wei├č nicht genau, warum. Aber es schien einfach besser zu mir und meinen Gef├╝hlen zu passen. Nun wollten auch viele meiner letzten so genannten ÔÇ×FreundeÔÇť nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich war ihnen inzwischen einfach zu verr├╝ckt, wie sie meinten. Ich hatte nur noch sehr, sehr wenige, daf├╝r aber, wie ich dachte, gute Freunde. Einer von ihnen versuchte ich Ansatzweise meine Probleme zu erkl├Ąren, doch sie war damit ├╝berfordert und ich verlor auch diese Freundin. Sie wusste nicht mehr, wie sie mit mir umgehen sollte. Seit dem habe ich nie wieder versucht, irgendjemandem meine Gef├╝hle zu erkl├Ąren, aus Angst, diese Person dann auch wieder zu verlieren und danach nur noch depressiver und hoffnungsloser zu sein.
 
Vor ca. 1 bis 2 Monaten fingen auch meine Probleme mit dem Essen wieder an. Eigentlich will ich normal essen. Ich will nicht abnehmen und dadurch immer d├╝nner, h├Ąsslicher und schw├Ącher werden. Aber es ist wie mit dem Ritzen. Es ist ein Zwang. Ich kann nichts dagegen tun, auch wenn ich es gerne w├╝rde. Es geht nicht anders, mich ertr├Ąglich zu f├╝hlen.
 
Ich bin heute 14. Mein letzter Selbstmordversuch war vor ca. einem Monat. Ich w├╝nsche mir, mit dem Ritzen und den Essproblemen aufh├ren zu k├nnen und einfach einmal gl├╝cklich zu sein. Aber nach all meinen Entt├Ąuschungen ist das nicht leicht. Ich wei├č nicht, ob ich es je schaffen werde, aufzuh├ren oder ob ich irgendwann daran kaputtgehen werden. Aber ich w├╝nsche es mir und ich werde es versuchen, auch wenn es bestimmt nicht einfach ist.
 
17.01.2005
 
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