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Ich weine Tränen und Blut

Katzenmädchen, 27 Jahre

Ich war ca. 11 Jahre alt, als es bei mir das erste Mal geschah. Erst ein winziger Schnitt mit einer Sicherheitsnadel. Nur ein feiner Riss in der Haut, nicht mehr und nicht weniger.
Meine Eltern waren oft sehr hart zu mir, zu hart wie ich finde- das finde ich auch heute noch. Meine Mutter war nicht ganz so schlimm, zumindest nicht aktiv, ehr passiv. Sie meckerte immer mit mir, nur weil sie selber Stress hatte und genervt war. Geschlagen hat sie mich nur selten und wenn dann meistens auch nur eine Ohrfeige. Aber so lieblos teilweise, von ihr wahrscheinlich ehr unbewusst, für mich dafür umso mehr…Als Beispiel als mein Kater Felix starb. Ich war so unendlich traurig, ich habe ohne Ende Tränen gelassen. Er war mein bester Freund. Ich war 13 als er starb, da ging es schon langsam bei mir los. Ich durfte nie weinen wenn mir danach war. Immer habe ich es heimlich getan, immer bin ich „hart“ gewesen, habe nur in meinen Zimmer geheult, schon mein Leben lang. Auch heute weine ich noch viel heimlich, es geht nicht anders. So wenig Leute verstehen so was. Wenn meine Mutter ins Zimmer kam und ich Tränen in den Augen hatte, habe ich gesagt, dass ich mir den Kopf gestossen habe oder so was…
 
Mein Vater war aber schlimmer denke ich. Er hat mich so oft geschlagen, oft aus Gründen, die ich bis heute nicht verstehe…und ich werde es auch nie verstehen. Wenn er wenigstens mit der Hand geschlagen hätte! Aber oft war es irgendein Gegenstand, der meinen nackten Po mit blauen Flecken übersäte. Am schlimmsten war die alte Bürste, eine wo schon die Schutznoppen für die Haare abgefallen waren…Immer hatte ich blaue Flecken und kleine blutige Punkte von den Nadeln die sich bei jedem Schlag in die Haut bohrten. Gerade war eine Stelle verheilt, kam eine Neue hinzu. Und diese Angst den Tag nicht heil zu überstehen. Als Kind habe ich mich oft im Kleiderschrank versteckt, oft den ganzen Tag. Manchmal habe ich darin geschlafen, weil ich mich dort sicher fühlte.
 
Wenn ich schlechte Noten hatte gab es Ärger, mal Schläge, mal wurde ich dann angeschien. Aber Lob gab es nie bei guten Noten, das hat mich ziemlich fertig gemacht. Nicht nur die Schläge und das Geschreie, auch manche Wörter und Taten haben mich ziemlich runtergezogen.
 
Erst war es nur ein „Ausprobieren“. Ich wusste ja nicht einmal, dass es das „Cutten“ wirklich gibt. Ist schon seltsam, nicht? Da macht man was, wo man denkt, das gibt es nicht und dabei gibt es das doch… Ein angenehmes Gefühl überkam mich, als ich die ersten Tropfen sah. Erst war es nur eine Nadel, mit der ich feine Linien in die Haut zog. Ganz kleine Kratzer. Nach ein paar Tagen waren sie weg. Niemand hat etwas bemerkt, nicht mal ich. Es häufte sich, immer wenn ich Stress mit meinen Eltern hatte, zog ich mich in mein Zimmer zurück um zu weinen. Tränen und Blut. Immer mehr- nach und nach. Bald musste die Nadel Tiefer ins Fleisch, ich drückte fester. Und es quoll mehr Blut aus meinem Arm; das beruhigte mich. Und immer noch hat es niemand bemerkt. Auch als die Schere kam nicht. Es tat so gut nach dieser „Tat“. Es ist wie ein Ballon der zu platzen droht, die Gummihaut wird immer dünner, aber er platzt einfach nicht. Erst als man mit der Nadel reinsticht, kann er seinen Stau ablassen und entspannt sich. Jeder Schnitt ist eine solche Entspannung. Danach geht es mir wieder besser. Ein leeres Gefühl ist dann noch da, aber entspannter.
 
Jetzt bin ich 27 und ich Cutte mittlerweile mit allem was gerade greifbar ist. Am meisten mit Scheren, Küchenmessern und Teppich-Messern. Und ich schlage meine Arme und Beine blau. Manchmal ist es wohl ein wenig zu feste, aber dann ist es zu spät, dann ist es schon geschehen. Ich habe dann für ca. einen Tag so etwas wie Muskelkater, weil ich so feste draufhaue. Aber es entspannt mich in diesen Stressmomenten so sehr, dass ich nicht anders kann. Manchmal denke ich, es muss so ein. Ich muss mich bestrafen für das was ich alles falsch gemacht habe. Irgend jemand muss ja Schuld sein- und das bin ich. Ich war und bin immer Schuld an Allem. Da hat man Strafe verdient.
 
Seit ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne kommt das Alles nicht mehr so oft vor, aber es kommt vor. Wenn dann auch nicht weniger stark wie früher, als es regelmässiger geschah. Oft habe ich das Phasenweise, dann manchmal geht es mir ein halbes Jahr gut (wirklich gut- für meine Verhältnisse), dann aber geht es rasant bergab, wenn wieder alles schiefläuft. Wenn es dann wieder richtig schlimm wird, dann hält es oft für Tage an, meistens bis zu 2- 3 Wochen. Dann kommt mir jeder Schnitt wie gerufen. Diese Erlösung…
 
Vor zwei Wochen war es wieder besonders schlimm: Im Moment renovieren wir unsere zukünftige Wohnung, die Mutter und der Stiefvater von meinem Freund helfen uns dabei. Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit seiner Mutter, wobei sie mich derbe angeschrien hat. Zu guter Letzt hat sein Stiefvater auch noch rumgebrüllt, so dass ich in ein anderes Zimmer „geflüchtet“ bin. Er hinterher und hat mich nur noch angeschrien und die Hand gehoben. Ich hatte solche Angst und Verzweiflung. Warum schon wieder ich? Warum wieder Schläge? Zum Glück war auch die Stiefschwester dabei, sie hat ihn dann abgehalten davon mich zu schlagen. Ich hatte solche Panik, es war wie früher als mein Vater so mit mir umgegangen ist! Alles kam wieder in mir hoch… Als sie aus dem Zimmer waren, musste ich es tun: Ich nahm eine Schraube (etwas anderes lag gerade nicht rum) und schnitt mir so feste in den Arm, wie es nur ging. Und Blaue Flecken sollten folgen. Der Tag war gelaufen. Abends konnte ich nicht schlafen, konnte den nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen. Mein Freund wollte, dass ich endlich zum Arzt gehe…aber ich habe mich gewehrt, ich wollte nicht. Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, nur geweint. Am nächsten Tag bin ich dann gezwungenermaßen doch zum Arzt, allerdings nur zum Hausarzt. Ich hatte Angst! Panik! Ich bin doch völlig normal, ich habe doch eigentlich nur einen schlechten Tag. Bis jetzt ist es doch immer wieder besser geworden, warum sollte das nicht jetzt auch so sein? Er riet mir zu einer Selbsthilfegruppe….aber wirklich wollen tu ich ja nicht. Die ganzen Tage ging es mir richtig sch*** . Dann hatte ich wieder einen „Anfall“. Mitten in der Nacht habe ich mir mit dem Teppichmesser in den Arm geritzt. Es war so schlimm, dass ich mich das erste mal ein wenig erschrocken hatte. Es war eine riesige Wunde, ich dachte erst ich verblute. Aber als es dann nach ein paar Minuten aufhörte zu bluten fand ich es doch nicht so schlimm. Und dieser Druck, der von mir wieder einmal abfiel tat mir gut. Mein Freund war ziemlich sauer und hat am nächsten Tag zum Arzt geschleift. Ich wollte nicht. Er sagte, dass es eine riesige Narbe geben würde und ich sollte es nähen oder kleben lassen.
 
Als ich dann dort war kamen mir so die Tränen, ich konnte nicht mehr. Der Arzt war sehr erschrocken und riet mir zu einer Therapie. Oh, Gott…was für ein Wort! „Ich will nicht in die Klapse! Da kommt man eh nicht mehr raus…und dann wird man permanent mit Medikamenten vollgepumpt! Nein, das mache ich nicht!“ sagte ich ihm. Er meinte dann, dass er eine Therapie (besch*** Wort!) meint, wo man sich nur unterhält. „Nur“ unterhalten…es ist für mich nicht einfach „nur“. Als wenn ich ne Pizza bestellen gehe und ein wenig mit dem Pizzabäcker über das Wetter reden würde… Nach langem Hin und Her habe ich dann „ja“ gesagt…ich muss verrückt sein…ich kann nicht einfach so „mal eben“ erzählen, was ich denn da so mache! Aber ich versuche es jetzt…egal! Mehr als Schei*** kann es ja nicht werden. Mein Leben ist eh Schei***, schlimmer kann es ja auch nicht mehr werden.
 
Vor ein paar Tagen habe ich es wieder getan…aber nur mit einer Nadel. Mir geht es so besch*** im Moment, ich kann nicht anders als mir Luft zu machen. Es tut so gut…
 
Wenn ich es tue, spüre ich keine Schmerzen, ausser den Schmerz, der mich vor der „Tat“ auffrisst. Ich spüre ein Kribbeln im Arm, als wenn mir einer von innen reinsticht. Ich muss dann einfach zurückstechen oder schneiden. Energien werden frei, ein angenehmes Gefühl überkommt mich. Allein dieser Anblick, dass es blutet ist für mich wie eine Befreiung. Eine Befreiung von allem was mir auf den Keks geht und mich nervt für diesen Moment.
 
Und in diesem momentanen, nüchternen Augenblick weiss ich, dass es nicht meine Schuld ist…aber wenn es wieder soweit ist, dann bin ich die Schuldige!
 
22.10.2004
 
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