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Rote Tränen
Iffi, 15 Jahre
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich die Schublade mit den Messern
öffnete. Wahllos nahm ich eines heraus und schnitt mir damit in die
Handfläche. Ich starrte den Schnitt an, aber irgendwie wollten sich nicht
die von mir erhoften Blutbäche über meiner Hand ergießen. Langsam begann
sich der Schnitt mit einer dünnen, roten Linie zu überziehen. Aber das
reichte mir nicht ich wollte eine richtige Verletzung, deshalb setzte ich
das Messer ein zweites Mal an, drückte fester drauf. Dieses Mal spürte ich
den Schmerz ziemlich heftig, aber wieder fing es einfach nicht an richtig zu
bluten. Ich schnitt wie eine Verrückte drauf los, aber irgendwie wollte ich
mich wahrscheinlich selber nicht ernsthaft verletzen. Nach einer Weile gab
ich es auf, ich hatte nicht den Mut ein schärferes Messer zu nehmen und das
frustrierte mich unheimlich.
So hat alles angefangen, es war im Herbst 02 und ich war zum ersten Mal
richtig verliebt, der Junge hat sich aber nicht für mich interessiert. Als
er sich dann den Arm gebrochen hat, dachte ich, dass ich ihm durch eine
ernsthafte Verletzung näher kommen könnte und irgendwo suchte ich auch das
Mitleid meiner Freundinnen.
Danach hab ich mir geschworen, es nicht mehr zu machen, mir nicht mehr weh
zu tun, aber dieser Vorsatz hielt nur bis Februar 03. Ich hatte ziemlich
Streß mit meiner damaligen besten Freundin und sah keinen Ausweg mehr, also
beschloß ich mich nur nicht mit einem Messer zu verletzen, aber mir wollte
einfach nicht einfallen, was ich stattdessen nehmen konnte. Eines Abends saß
ich dann alleine im Wohnzimmer und auf dem Tisch stand ein Glas. Es muss
wohl ziemlich am Rand gestanden haben, denn als ich irgendwann aufstand und
mit einem Fuß aus Versehen gegen den Tisch stieß, flog das Glas auf den
Boden und zerbrach. Ich bückte mich, um die Scherben aufzusammeln, doch dann
schnitt mir eine in den Finger. Langsam quoll ein dicker Bluttropfen aus der
Wunde und fiel auf den Boden. Ungläubig starrte ich auf den roten Fleck, als
ob ich nicht gewusst hätte, wie man sich an Scherben verletzen konnte. Dann
begann ich vor Freude zu weinen. Wochenlang hatte ich verzweifelt nach etwas
gesucht, womit ich mich verletzen könnte und jetzt half mir das Schicksal.
Eifrig sammelte ich die schärfsten und spitzesten Scherben zusammen und
versteckte sie in einer Schublade von meinem Schreibtisch.
Von da an, ritze ich mir bei jedem Problem, wie Streit oder einer
Enttäuschung mit einer Scherbe in den Arm, es blutete ein wenig und das
reichte mir vollkommen. Irgendwann hatte ich dann das Bedürfnis mit jemandem
darüber zu reden. Ich besuchte also eines Nachmittags meine damalige beste
Freundin Jule H. und zeigte ihr einfach den Arm. Sie war total geschockt und
wollte, dass ich damit aufhöre oder zu einer Psychologin gehe. Ich lachte
damals nur und sagte, dass es doch nicht so schlimm sei und machte einfach
weiter. Aber ihr war es wirklich ernst, sie nahm mich einmal in Sport, als
ich "mal wieder" meine Sportsachen vergessen hatte(weil sonst hätte ja jeder
meinen Arm gesehen) zur Seite und sagte:Hör mal iffi, ich kann damit nicht
umgehen, immer wenn ich was zu dir sag muss ich Angst haben, dass du dir
deswegen deinen Arm aufritzst. Wenn ich weiter deine Freundin sein soll,
dann hör auf!
Das hatte gesessen, das waren genau die Sachen gewesen, die ich nie hören
wollte. Ich wollte Verständnis und vielleicht auch Mitleid, aber keine
beinahe Freundschaftskündigung! Also hörte ich auf, damals ging es noch
richtig einfach, ich warf die Scherben weg und lies die Narben verheilen,
weil ich noch nicht richtig tief geritzt hatte ging das ziemlich schnell und
bald dachte ich auch nicht mehr daran oder hatte auch nicht das Bedürfnis es
zu machen. Ich glaube damals war ich noch nicht wirklich süchtig danach!
November 03: Ich war mit einer neuen Freundin, Ine auf einer Freizeit.
Wieder war ich verliebt, aber dieses Mal um einiges stärker, als beim
letzten Mal. Der Junge heißt Buddy und war auch dabei. Manchmal war er total
lieb und das nächste Mal behandelte er mich wie Luft und dann fing er was
mit einer an, die er erst auf der Freizeit kennen gelernt hatte. Ich dachte,
ich müsste sterben. An einem Abend saß ich dann mit ein paar Freundinnen
zusammen und redete irgendwie über den Sinn des Lebens und alles mögliche,
wir kitzelten uns gegenseitig und plötzlich klirrte es und Manu hatte ihre
Flasche umgeworfen, während die anderen sich deswegen kaputt lachten hüpfte
mein Herz, ich bückte micht blitzschnell und begann die Scherben
aufzusammeln und in die Küche zu bringen, in der Küche hatte ich dann Zeit
mir 3scharfe Scherben rauszusuchen und schnell in meine Hosentasche zu
stecken. kaum war das passiert, stand Ine in der Tür und fragte, was ich so
lange machen würde, ich grinste nur und gab vor aufs Klo zu müssen. Dort
habe ich dann wieder geritzt, aber nicht so wie bisher, tiefer und gleich
mehrere Schnitte. Danach ging es mir echt besser, als ob ich nur darauf
gewartet hätte. In den folgenden Tagen fand ich mich immer öfter auf dem Klo
mit einer Scherbe und mein Arm sah schon richtig schlimm aus.
Am nächsten Abend machte ich dann mit Ine einen Spaziergang um das Haus, in
dem die Freizeit war, und da zeiget ich ihr den Arm. Sie reagierte
erschrocken, aber dann nahm sie mich in den Arm und tröstete mich und bat
mich darum es zu lassen. Genau diese Reaktion hatte ich erhofft, ich fühlte
mich verstanden. Und ich gab mir danach wirklich Mühe es zu lassen, aber es
ging nicht. Bis ich dann Johannes F. Kennenlernte. Er wurde so ein guter
Kumpel von mir und gab mir unheimlich viel Kraft und eines Tages nahm ich
meine Scherben mit in die Schule und warf sie zusammen mit Ine ins Gras. Sie
war fast glücklicher und stolzer auf mich, als ich es selber war.
Die Narben verheilten auch dieses Mal wieder, aber ich hatte die Tränen
verloren, ich konnte nicht mehr einfach so weinen. Es ging nicht mehr, wenn
ich weinte, dann in meinem Zimmer, so, dass mich niemand sah.Und dann kam
eine Zeit im Februar/März 04 in der ich unheimlich viel Streß mit meinen
Eltern hatte und ich wusste einfach nicht, wie ich damit fertig werden
sollte, also ging ich eines Abends in den Garten und zerbrach ein Glas, weil
ich ja keine Scherben mehr hatte und dann fing ich wieder zum Ritzen an! Die
Schnittnarben von vor 4Monaten kann man noch jetzt im Juli erkennen. Wieder
bekam ich unheimlich liebe Unterstützung von Ine. Aber inzwischen war sie
nicht mehr die einzige, die davon wusste. Ich hatte es auch noch Meike
erzählt und die konnte ihren Mund nicht halten und erzählte Alex in den war
und bin ich verliebt. Er wäre fast an die Decke gegangen, er wollte, dass
ich damit aufhöre, bezeichnete mich als gestört(aber nicht böse) Wenn es
jetzt warm wurde und ich ein t-shirt anhatte, konnte jeder die Narben an
meinem Arm sehen. Ich wurde oft darauf angesprochen und tat es als normal ab
oder reagierte gar nicht auf die Frage. Ich wollte aber gar nicht darauf
angesprochen werden und machte desahlb am Bein weiter, wenn mich jetzt
jeamnd fragte sagte ich, ich hätte mich beim Rasieren geschnitten oder sei
beim Joggen im Gebüsch hängen geblieben.
Dann bekam ich Anfang Juni mit, dass Alex was von einer anderen will und
mich nur verarschen würde. Ich war echt am Boden zerstört. An dem Abend war
ich alleine zu Hause und ritze mit einer Scherbe, aber es reichte mir
einfach nicht mehr, also nahm ich das schärfste Küchenmesser. Ich hatte
Angst und weinte wie ein kleines Kind, schmiss das Messer weg und konnte
kaum mehr atmen. Ich wusste, dass ich wenn ich es geschaffte hätte mit dem
messer zu ritzen alles vorbei wäre, aber ich traute mich nicht. ich hatte
Angst vor dem gleisenden Schmerz. Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen
und schnitt mir ins bein, erst nur zaghaft, dann richtig fest. der Schmerz
war echt übel, aber danach ging es mir besser. Am selben Wochenende erzählte
ich noch einer guten freundin Svenja davon, sie war total geschocktund ich
musste ihr versprechen, damit aufzuhören. Ich schaffte es auch beinahe, am
nächsten Wochenende kam ich nämlich mit Alex zusammen und das gab mir wieder
neue Kraft, aber ich war nicht glücklich in der beziehung und schon nach 2
Wochen gab es den ersten Streit, wegen einer kleinen intriganten Person.
Wegen der hab ich dann auch wieder geritzt. 1Woche später hat Alex dann
Schluß gemacht und noch am selben Abend mit 4 anderen rumgemacht unter
anderm auch mit meiner Freundin meike...Ich hab aber nicht geritzt :-)
Trotzdem finden meine Freunde, dass ich eine Therapie machen soll. ich weis
selber, dass ich noch lange nicht davon losgekommen bin und es jeder zeit
einen Rückschlag geben kann, aber ich finde das wort Psychologe einfach
beängstigend und hoffe, dass ich so davon lokomme...
Aber an dieser Stelle möchte ich mich echt mal bei Ine, basti, Johannes und
Svenja bedanken, dass sie so verständnisvoll reagiert haben!Danke!
24.07.2004
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