Kontakt- und Informationsforum für SVV-Angehörige

Forum         Chat         Kontakt         SVV-Seiten         Neues

 
*    Startseite
 
über SVV
*    Informationen
*    Interview
 
professionelle
Hilfe
*    Wege zur Thera
*    Adressen
*    Therapieformen
*    online-Hilfe
 
praktische
Selbsthilfe
*    Ratschläge für
     Angehörige

*    Alternativen zu SVV
*    Tipps
*    Selbsthilfe
 
Austausch über
*    Forum
*    Chat
*    Gästebuch
*    e-Mail
*    andere Foren
 
Erfahrungs-
berichte
*    Betroffene
*    Angehörige
*    kreative Beiträge
 
Literatur
und Medien
*    Bücher
*    Medienberichte
*    Internet
*    SVV-Websites
*    private Homepages
 
weitere
Aspekte
*    Gedanken
*    über diese HP
*    SVV-Projekte
*    Prominente
 
Organisatorisches
*    Technisches
*    Chronologisches
*    Aktualisierung
*    Danke

Ich lebe!

crYstal, 17 Jahre

Ich mag vielleicht krank sein, nicht besonders hübsch, aber trotz allem bin ich ein Mensch mit Gefühlen und Gedanken. Mein bisheriges Leben war ein Kampf zwischen Leben und Tod, und ich habe nicht die geringste Ahnung ob ich es schaffen werde. Aber ist das ein Grund kampflos aufzugeben?
 
Mein Vater war kein liebenswürdiger Mann, er trank wenig Alkohol, nahm ein paar Drogen, prügelte aber meistens nur im nüchternen Zustand. Es war ein Teufelskreis – wenn er mich schlug, machte ich ins Bett – wenn ich ins Bett machte, schlug er mich. Zu dieser Zeit war ich ungefähr zwischen zwei und fünf Jahre alt, damals entwickelte ich meine ersten Ängste in Bezug auf andere Menschen. Im Kindergarten sprach ich kaum mit den Erzieherinnen, außerdem litt ich oft an Übelkeit. Mein Vater machte mir große Angst, ob er mich nun mal wieder aus dem Bett zerrte weil ich rein gemacht hatte, oder wenn er mir mal wieder mit dem Gürtel drohte und jenen schnallen ließ das es laut knallte. Zu meinem Glück ließ sich meine Mutter dann von ihm scheiden.
 
Doch das nützte mir gar nichts mehr, ich war längst ein verängstigtes kleines krankes Mädchen. Ich machte zwar im Alter von sieben bis neun Jahren eine Therapie, doch diese brachte anscheinend gar nichts. In der Grundschule zeigte ich niemals im Unterricht auf, ich hatte nur ein paar wenige Freunde, und wurde von einem Jungen und meiner angeblichen Freundin rumgeschubst, geärgert und verprügelt. Der Zustand zu Hause war oft auch nicht sonderlich einfach, meine Mutter suchte nach einer neuen großen Liebe. So brachte sie in größeren Abständen mal einen Mann mit nach Hause von dem sie hoffte er wäre ein liebenswürdiger junger Mann. Ich erinnere mich kaum an diese Männer, ich weiß nur das einer von ihnen Alkoholiker war und manchmal jammert vor unserer Haustiere hing.
 
Irgendwann in dieser Zeit fuhren wir in Urlaub zu einem ehemaligen Geliebten meiner Mutter, er nahm mich an die Hand und brachte mich in sein Schlafzimmer. Ich verdrängte diese Tat in diesem Zimmer vom Augenblick an als ich in seinem Bett lag, wie hätte ich so was auch ertragen sollen, so war es doch das einfachste einfach zu vergessen.
 
So gingen die Grundschuljahre irgendwann vorbei und ich ging zur Realschule, die einzige Zeit die weder positiv noch negativ abgelaufen ist. Doch mitten im 6. Schuljahr kamen meine Mutter und ihr neuer Freund auf die Idee, in ein kleines Häuschen mit Garten in einer anderen Stadt zu ziehen. Ich wechselte also nicht nur die Klasse, sondern auch die Schule und meine Heimat. Die neue Klasse wurde zur Hölle, schon am ersten Tag bekam ich zu spüren das ich nicht erwünscht bin. Ich war ein zu ruhiges Mädchen, das sich nicht mal wagte nach einem Stift zu fragen – so was konnte keiner leiden.
 
Wenn die Klasse einen Klassenausflug machte, kam ich nicht mit. Schon Tage vorher bemerkte ich wie die Mädchen kicherten und sich Dinge zuflüsterten. Ihr Plan war es mich auf dem Ausflug irgendwann alleine rumstehen zu lassen, daher ging ich lieber in eine andere mir fremde Klasse als mir dieses Übel anzutun. Ich weinte oft weil ich von keinem angenommen wurde, und selbst unsere Klassenlehrerin stellte mich als asozial hin, da ich ja angeblich etwas gegen die Klasse hätte und nicht die Klasse gegen mich. Irgendwann wurde unsere Klassenlehrerin krank, kam nie wieder, und das Mädchen das mich am meisten hasste musste das 8. Schuljahr erneut machen. Ich fand eine Freundin und fühlte mich wenigstens etwas sicherer in der Klasse. Man hänselte mich zwar noch manchmal mit irgendwelchen Spitznamen die alle darauf verliefen das ich so still und stumm war, aber das versuchte ich erfolgreich zu ignorieren. Doch irgendwann im September 2001 stand ich in meinem Zimmer und hatte ein Glas in der Hand, ich ließ es zu Boden fallen und ein ganzer Haufen Scherben lag um meine Füße verteilt. Zu dieser Zeit ging es mir einfach schlecht, da der Streit mit meiner Mutter immer häufiger wurde. Ich nahm also eine Scherbe, setzte mich an meinen Tisch und schnitt mich damit. Es war ein befreiendes Gefühl, mit dem ich bis heute noch nicht aufgehört habe.
 
Ich erzählte meiner Mutter ziemlich schnell davon, da es mir doch irgendwie Angst machte, doch jene schrie mich nur an und drohte mir. Also machte ich heimlich weiter und fand raus das man dieses Verhalten als Selbstverletzendes Verhalten bezeichnet.
Irgendwann erzählte ich auch meiner Freundin vom SvV und ging zur Schulpsychologin. Doch als ich bei dieser Frau saß kam es mir vor, als wüsste selbst jene nicht mehr weiter.
 
Im Sommer 2002 war ich mal wieder fertig mit den Nerven, ich fing an jeden zweiten Tag sieben Tabletten zu nehmen um meinen inneren Schmerz und meinen Körper zu betäuben. Auch am ersten Schultag nach den großen Sommerferien nahm ich welche, und machte mich dann auf den Weg zur Schule. In der ersten Stunde war ja noch alles okay, aber als es dann zur Pause klingelte konnte ich kaum aufstehen. Meine Beine waren weich wie Butter und mir kamen die Tränen. Ich hoffte es würde keiner sehen, doch wenige Minuten später saß ich schon bei der Schulpsychologin. Vier Stunden saß ich in ihrem Zimmer, und als ich ihr nicht versprechen konnte das ich nicht an Selbstmord dachte, rief sie meine Mutter an. Meine Mutter machte mir gleich Vorwürfe, das ich doch nur mit fremden Menschen reden würde, aber nie mit ihr, usw. Dann stellte mir die Psychologin die Frage, ob ich in eine Jugendpsychiatrie möchte, da man mir dort am Besten helfen könne. Ich bejahte die Frage, ich wusste sowieso nicht mehr weiter.
 
Zwei Monate später waren meine Taschen gepackt und ich saß in unserem Auto, startklar für die Irrenanstalt. All meine Hoffnung steckte ich in diesen Psychiatrie- Aufenthalt, wenn mir einer helfen konnte dann waren das doch wohl die Leute in solch einer Klinik, oder? Für mich war es das rettende Paradies, der Himmel auf Erden, die letzte Hilfe die ich bekommen könnte. Hier würde ich nun endlich wieder vollkommen gesund werden, man würde mich verstehen und mir helfen. In meinem Träumen war ich schon längst das gesunde Mädchen das ich immer sein wollte. Ich saß also in diesem kleinen Zimmer am Anfang des Flures und war ziemlich nervös. Dann verabschiede ich mich schnell von meiner Mutter. Eine Betreuerin fragte mich nach spitzen Gegenständen, ich log ich hätte keine dabei. Hätte ich etwa das Messer in meiner Tasche erwähnen sollen?;
Ich nahm meine Taschen und ging in mein neues Zimmer in dem drei Betten standen. Wenigstens würde ich nicht alleine sein. Die acht Wochen in der Jugendpsychiatrie waren ein Aufenthalt zwischen Himmel und Hölle. Ich verstand mich gut mit ein paar anderen Patienten, doch die Betreuer und der Therapeut waren ziemlich seltsam. Sie glaubten mir kaum ein Wort, und stempelten mich als Machtbesessene verlogene Autistin dar. Als ich vollkommen am Ende mit den Nerven war holte meine Mutter mich endlich dort raus, doch ich werde diese Zeit niemals vergessen.
 
In der Schule kam ich natürlich nicht mehr richtig mit, ich hatte zu viel verpasst, aber was noch viel schlimmer war, ich hatte kein bisschen Hoffnung mehr. Wenn man mir nicht in der Psychiatrie helfen konnte, dann kann man mir wahrscheinlich überhaupt nicht helfen!
 
Doch so schnell ließ ich mich nicht unterkriegen, ich fing also im März 2003 eine ambulante Therapie an. In dieser Therapie verstand ich endlich was wirklich mit mir los ist. Nein ich bin keine Machtbesessene verlogene Autistin, ich leide unter Selbstverletzendem Verhalten, einer Essstörung, depressiven Stimmungen, einer Angststörung, Derealisation/Depersonalisation und an mehreren Traumata. Ich bin nun 17 Jahre alt und weiß nicht ob ich es jemals schaffen werde einigermaßen normal zu leben. Ich brauchte acht Monate bis ich meiner Therapeutin vertrauen konnte, meine Kindheitserinnerungen sind erst im Januar 2004 zurück gekehrt und jeder Tag ist ein harter Kampf. Aber hinter diesen Krankheiten bin ich sicherlich eine starke Persönlichkeit, denn sonst wäre ich längst tot. Ich lebe.
 
26.03.2004
 
weiter blättern  >>>
 

© Rote Linien
Impressum     Nutzungsbedingungen      Disclaimer