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Tränenzeit

morgan667, 17 jahre

Ich weiß nicht mehr genau, wie es begann. Und warum. Ich erinnere mich kaum noch an meine Kindheit oder irgendetwas, bevor ich 14 war. Außer einer Sache: Den 6 Jahren, in denen ich in der Schule gemobbt wurde. Tag für Tag von der ersten Klasse an. Ich wurde geschubst, angespuckt, ausgelacht und ausgeschlossen. Ich habe keine Ahnung, warum ich ausgerechnet das noch weiß und nichts anderes mehr. Als nächstes Erinnere ich mich, wie meine Mutter eines Morgens, als ich 14 war, in mein Zimmer kam und meine (damals noch) absolut unspektakulären Ritzer an den Armen sah. Am nächsten Tag saß ich bei einer Jugendpsychologin und erzählte ihr, dass ich das etwa seit 3 Monaten machte. Keine Ahnung ob es wirklich so war, allerdings halte ich mich bis heute an diesem Datum fest, weil ich sonst wohl überhaupt nicht mehr wüsste, wann ich damit angefangen habe. Nach einigen Wochen jedoch brach ich diese Therapie ab, weil ich die Frau nicht leidenkonnte und ich glaube, sie mich auch nicht.
 
Ich log meinen Eltern vor, dass ich aufgehört hätte, zu schneiden. Sie kontrollierten mich zwar, aber nur an den Armen, sodass ich ganz unbekümmert am Bauch und an den Beinen weitermachen konnte. Einige Monate danach fanden meine Eltern aber auch das heraus, weil sie es in meinem Tagebuch gelesen hatten. Die Schnitte waren zu dem Zeitpunkt schon etwas schlimmer geworden, aber ziemlich unwesentlich. Egal, jedenfall steckten meine Eltern mich daraufhin in eine Klinik. Im Nachhinein würde ich sagen, dass es das beste war, was ich je gemacht habe, denn in dieser Zeit half mir die Therapie zwar kein bisschen weiter, jedoch fand ich dort zwei Menschen, die mir beibrachten, dass man seine Narben nicht verstecken muss und sich für sein SvV nicht schämen sollte. Nach 7 Wochen jedoch flog ich aus der Klinik raus, weil ich ein großes Cuttermesser reingeschmuggelt hatte, das irgendein Betreuer beim "Kontrollieren" meines Zimmers fand. Naja, eine Woche später wäre die Therapie sowieso zuende gewesen.
 
In dieser Zeit erfuhr ich auch, warum es meiner Mutter immer schlechter ging: Sie hatte Lungenkrebs und starb 8 Monate später. Ich kam erneut in die Klinik, ging nach 10 Wochen Therapie wieder nach Hause und es ging mir schlechter als je zuvor. Ich fing an, die Tabletten zu nehmen, die sie nicht gebraucht hatte, Schmerz- und Beruhigungsmittel und ging mehrere Monate nicht zur Schule, weil ich morgens immer Panikattacken hatte. In der Zeit habe ich weitere 3 ambulante Therapien angefangen und wieder abgebrochen, die Diagnosen "Depressionen" und "Emotionale Störung" bekommen, und die Schnitte wurden immer schlimmer. Inzwischen habe ich das erste Halbjahr in meiner neuen Klasse überstanden (ich musste wegen der vielen Fehlzeiten wiederholen), bin fast ein halbes Jahr mit meinem Freund zusammen, der mich unterstützt und meine Krankheit erträgt, so gut er kann und habe einige Pläne für die Zukunft gemacht. Ich habe es inzwischen aufgegeben, noch eine Therapie anzufangen. Entweder schaffe ich es selbst, daras zu kommen oder gar nicht.
 
28.12.2003
 
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