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Der etwas andere Lebenslauf

Confusia, 26 Jahre

Der Anfang
 
Wann begannen meine Depressionen? Wann begann mein selbstverletzendes bzw selbstzerstörerisches Verhalten? Was war noch "normal", was schon bedenklich?
 
Ich war 16 Jahre alt, als ich versuchte, mir den Arm zu brechen. Meine Bemühungen scheiterten an der Widerspenstigkeit meiner Knochen. Ergebnis dieser heftigen Attacke gegen meinen Körper war ein in allen Farben schillerndes großes Hämatom am rechten Unterarm. Direkter Auslöser war ein Streit mit einer meiner damals besten Freundinnen. Ich fühlte mich als Buhmann des gesamten Freundeskreises und gleichzeitig als Schuldige dieser leidigen Situation, die ich aus heutiger Sicht als "pubertär" bezeichnen würde. Dieser Blickwinkel war mir damals natürlich verwehrt, ich hatte das dringende Gefühl, mich bestrafen zu müssen, um in meiner Clique wieder rehabilitiert zu sein.
 
Ich habe niemandem von dieser Sache erzählt, auch jahrelang selbst nicht mehr daran gedacht. Es ist nicht so, dass ich dieses Vorkommnis verdrängt habe, es ist durchaus immer mal wieder in mein Bewußtsein gerückt. Aber ich habe es in ein kleines fensterloses Zimmer meiner Seele gesperrt und nur selten mal einen Blick hineingeworfen, um sofort wieder mit einem Schaudern die Tür zuzuschlagen.
 
Dieser versuchte Armbruch war die erste offensichtlich autoaggressive Maßnahme. Wenn ich in Gedanken zurückgehe in die Zeit meiner Jugend und Kindheit, kommen mir heute Kleinigkeiten auffällig vor, die weder mir noch anderen damals verdächtig erschienen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie eine Rolle spielen oder ob sie ein dem Alter entsprechendes Austesten meiner Grenzen darstellten. Da war die Zeit zu Beginn meiner Pubertät, in der ich morgens regelmäßig mit blutig aufgekratzten Beinen aufwachte. Da war die Zeit des exzessiven Nägelkauens. Da war die Zeit in meiner Kindheit, in der ich meine Finger in Kerzenflammen hielt und heißes Wachs auf meine Haut tropfen ließ. Da war die Grundschulzeit, in der ich meine männlichen Klassenkameraden so lange provozierte, bis sie sehr unsanft mit mir umgingen, was wiederum mein Ziel war. Zur gleichen Zeit liebte ich es, barfuß über Schotter und spitze Steine zu laufen und stellte mich in Ameisenstraßen.
 
Ich kann also bislang nur Vermutungen anstellen, wann meine selbstzerstörerischen Züge ihren Anfang nahmen. Auch meine Erinnerungen sind sehr rudimentär und teilweise wohl auch falsch. Das zeigte ein Blick in mein Tagebuch, das ich mit 19 Jahren begonnen habe. Ich dachte immer, damals sei es mir ganz gut gegangen. Doch als ich es Jahre später wieder las, erkannte ich, dass ich damals schon ähnlichen Gedanken und Gefühlen ausgeliefert war wie es heute der Fall ist.
 
Die Flucht
 
Nach diesem Versuch, mir den Arm zu brechen, geschah lange Zeit nichts Auffälliges. Ich funktionierte: nahm diverse Jobs an, engagierte mich in Vereinen, machte mein Abitur, begann meine Ausbildung. Nach meinem Examen wechselte ich freiwillig mindestens einmal pro Jahr die Arbeitsstelle und den Wohnort. Stillstand war mir ein Greuel, ich gönnte mir keine Ruhepausen. In meiner Umgebung brachte mir das die Bezeichnung "Powerfrau" ein. Nach außen hin war ich diejenige, die immer alles fest im Griff hatte, die "ihr Ding schon macht". Ich sonnte mich gern in diesem Licht, fütterte dieses Verständnis von mir so gut es ging. Die Hilferufe meiner Seele überhörte ich, es folgten körperliche Warnungen: angefangen bei einer chronischen Gastritis über Schlafstörungen und Ekzemen bis hin zu Beschwerden, die auf einen Hirntumor hinwiesen. Die Reaktionen der Ärzte, die ich aufsuchte, waren immer die gleichen: "Nein, organisch ist alles in Ordnung. Haben Sie Streß?" Heute weiß ich, dass ich vor mir selbst geflüchtet bin. Ich habe es nicht gewagt, mir Phasen der Ruhe zu gewähren, da ich mich nur mit Hilfe des übervollen Terminkalenders von meinem Seelenleben ablenken konnte. Sobald mein Leben ein wenig ruhiger verlief, sich die Routine einstellte, habe ich meine Siebensachen gepackt und mir eine neue Arbeitsstelle in einer neuen Umgebung gesucht.
 
Ich war rastlos. Die Gefahr, mir selbst in Zeiten der Stille zu begegnen und mich dann selbst in Frage stellen zu müssen, erschien mir zu groß. Verletzt habe ich mich damals noch nicht. Jedenfalls nicht in der Art, wie ich es heute tu. Ich begann zu rauchen, zuletzt etwa zwei Schachteln pro Tag, und wenn jeder Atemzug schmerzte, die nächste Kippe mußte sein. Ich zog es vor, bei Minusgraden zu frieren anstatt eine warme Jacke anzuziehen. Heiße Kochtöpfe nahm ich ohne Topflappen vom Herd. Abend für Abend, später auch tagsüber, malte ich mir im Kopf Horrorszenarien aus, in denen ich die Opferrolle spielte. In meinen Wach-Angstträumen wurde ich das Opfer von Gewalt, von Unfällen, von Krankheiten und Schicksalsschlägen. Immer häufiger kam wieder der Wunsch in mir auf, mir das Handgelenk zu brechen. Doch ich erzählte niemandem davon. Je häufiger diese seltsamen Gedanken und Wünsche in mir auftauchten, desto voller wurde mein Terminkalender.
 
Dann kam die Zeit, in der ich es nicht mehr schaffte, diese vielen Termine einzuhalten. Ich hatte mir selbst ein Bein gestellt, fühlte mich ausgepowert, müde. Meine körperlichen Beschwerden nahmen zu. Plötzlich fiel mir alles schwer, plötzlich hatte ich Mühe, die Powerfrau zu spielen. Mit zusammengebissenen Zähnen erhielt ich dieses Bild in der Öffentlichkeit aufrecht, um regelrecht zusammenzubrechen, sobald ich mich unbeobachtet fühlte. Doch noch immer war ich auf der Flucht.
 
Ich wählte nun andere Methoden, mir selbst aus dem Weg zu gehen. Ich wählte den Weg der Betäubung, nicht mit Drogen, außer Nikotin und gelegentlich einen Schluck Alkohol hatte ich damit nie etwas zu tun. Ich betäubte mich, indem ich begann zu chatten. Meine Telefonrechnungen erreichten ungeahnte Höhen. Ganze Tage und Nächte verbrachte ich vor dem Computer, bezeichnete mich selbst als ,kommunikationssüchtig'. Aus dem Haus zu gehen, um mich von mir selbst abzulenken, brachte ich nicht mehr zustande. Also nutzte ich das Internet, um diesen Zweck zu erfüllen. Aus Alexandra wurde confusia. confusia war im chat bekannt und beliebt. confusia war eine Powerfrau.
Doch wie lange kann man vor sich selbst davonlaufen?
 
Die Erkenntnis
 
Es kam der 3. November 2002. Der Tag, an dem ich - mal wieder - das Rauchen aufgeben wollte. Bis zum Abend hatte ich den Kampf gegen die Zigaretten schon siebenmal verloren. Es war dunkel und kalt draußen, meine Mitbewohner waren nicht da. Auf der anderen Straßenseite saß eine Obdachlose mit Schnapsflasche in der Hand vor einer Haustür und schrie ihren ganzen Unmut heraus.
Ich konnte es nicht ertragen.
Schaltete das Radio ein, es lief nur Weichspülermusik.
Ich konnte auch das nicht ertragen.
 
Spürte, wie Panik in mir aufstieg, mein Herz begann zu rasen, ich bekam kaum noch Luft. Ich wußte nicht, was ich dagegen tun sollte, fühlte mich hilflos, einsam, unruhig und gleichzeitig wie gelähmt. Lief in meinem Zimmer auf und ab wie ein Tiger im Käfig und fühlte mich auch so. Verzweiflung machte sich in mir breit. Wenn man schon sieben Zigaretten geraucht hat, macht auch eine achte nichts mehr aus. Also ging ich in die Küche und zündete mir eine Zigarette aus der Schachtel meines Mitbewohners an. Der erste Zug brachte ein wenig Erleichterung, der zweite das verhaßte Versagensgefühl. Hatte A.'s' Stimme im Kopf, die sagte: "Finde erstmal heraus, warum Du rauchst. Das hat einen tieferen Grund, wenn Du ihn kennst, brauchst Du die Zigaretten nicht mehr." Warum rauchte ich?
 
Plötzlich fiel mein Blick auf das große Sägemesser auf dem Küchentisch. Es faszinierte mich. Ich betrachtete meine linke Hand, das Handgelenk. Überlegte, ob ich mir einen Schnitt quer über die Innenseite des Handgelenks zufügen sollte. Dachte: "Nein, das sieht ja so aus, als wolle ich mich umbringen und wüßte nicht, wie es geht." Aber ich weiß wie es geht, will mich aber nicht umbringen. Ich wollte den Schmerz spüren, ich wollte mein Blut fließen sehen. Also lieber in die Handfläche... Ich rührte das Messer nicht an. Ich betrachtete es nur. Ein Bild tauchte in mir auf, das Bild von mir als Sechzehnjährige, die sich den Bettrahmen auf den Arm donnert - sieben-, acht-, neunmal... Betrachtete meine Zigarette an. "Finde heraus, weshalb Du rauchst..." Ich wußte es. In diesem Augenblick wurde mir alles klar - schlagartig. Das Rauchen war für mich eine Art der Selbstverletzung, eine gesellschaftlich anerkannte Form der Autoaggression. Seit Jahren verspüre ich diesen Drang in mir, mir Schmerz zuzufügen, erst in diesem Moment gestand ich ihn mir ein. Ich war entsetzt von mir selbst. Drückte die Zigarette aus, sprang auf, verließ die Wohnung. Rannte fast, an der Obdachlosen vorbei, die mich beschimpfte, weg, runter zum Kanal. Kam am Ufer zum stehen, spürte die Kälte, begann zu weinen. Schrieb A. eine SMS: "Ich weiß jetzt, weshalb ich rauche." Fühlte mich gerade nicht in der Lage, ihn anzurufen, meine Gedanken auszusprechen. Nur langsam kam ich wieder zu mir. Dieser Tag würde Konsequenzen haben, das wußte ich. Ich wußte auch, dass ich fremde Hilfe brauchen werde, dass es die Powerfrau von jetzt an nicht mehr gab. An diesem Abend sowie am nächsten Tag rauchte ich wie ein Schlot. Am übernächsten Tag verspürte ich kein Bedürfnis mehr nach Zigaretten und das ist bis heute so geblieben. Ich bin Nichtraucher. Statt dessen begann ich, mir mit einer Rasierklinge Schnittwunden am linken Bein zuzufügen. Ich suchte und fand einen Therapieplatz. Ich laufe nicht mehr vor mir selbst davon. Die Zeit der Flucht ist seit dem 3. November 2002 ein für alle Mal vorüber.
 
Die Auseinandersetzung
 
Nun galt (und gilt) es, sich mit mir selbst auseinanderzusetzen, die Konfrontation zu suchen, ihr nicht mehr auszuweichen.
 
Die ersten Tage nach meiner Erkenntnis, nach diesem "flash", waren geprägt von Wechselbädern der Gefühle. In Sekundenschnelle schossen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf: "Ach, ich stell mich wieder an... das ist wieder nur eine Überreaktion, typisch!" "Oh mein Gott, wie kann ich nur...!?" "Alles halb so wild... Ich mach jetzt halt ne Therapie, das kriege ich schon wieder hin." "Jetzt bin ich echt reif für die Klapse!" "Das schaffe ich nie!"
 
Zum Glück habe ich sehr gute Freunde, mit denen ich reden kann. Das tat und tu ich auch sehr ausführlich, ihre Unterstützung ist grandios. Innerhalb einer Woche begab ich mich auf die Suche nach einem Therapeuten. Und auch hier hatte ich Glück: Ich fand sofort einen Therapeuten, zu dem ich schnell Vertrauen faßte. Vier Wochen nach meinem "flash" hatte ich mein Vorgespräch, gleich der erste Therapeut war der Richtige. So viel Glück haben nicht viele meiner LeidensgenossInnen.
 
Die Arbeit geht nun richtig los. In dieser Phase befinde ich mich jetzt, und ich denke, diese Phase wird bis zu meinem Lebensende andauern, da man nie aufhören sollte, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Eine Rückkehr in die Flucht kommt für mich nicht mehr in Frage, dazu müßte ich all meine bisherigen Erkenntnisse über Bord werfen, was weder möglich noch von Vorteil wäre. Augen auf und durch. Es erfordert viel Kraft, sich dieser Herausforderung zu stellen. Doch es schenkt mir auch viel Kraft. Es schmerzt, aber es ist ein wohltuender Schmerz. Endlich darf ich sein wie ich bin, zumindest bei meinen Freunden und in der psychotherapeutischen Praxis. Das tut unglaublich gut.
 
Ich habe den Schritt nach außen gewagt und bin aufgefangen worden. Ich erfahre Hilfe. Ich lerne meine Schwächen und Fehler, aber auch meine Stärken kennen. Noch stehe ich ganz am Anfang meiner Therapie. Ich habe noch sehr viel Arbeit vor mir, manchmal erscheint sie mir wie ein Berg, der nicht zu bezwingen ist. Doch ich gebe nicht auf. Nach Beginn meiner Therapie, mit Beginn der Auseinandersetzung mit mir selbst spüre ich, dass ich erstmal in Aufruhr komme. Panikattacke reiht sich an Panikattacke, regelmäßig breche ich heulend zusammen, ich schneide mich mindestens zweimal die Woche. Natürlich... wie sollte es anders sein? Ich bin dabei, mich selbst zu erkennen. Meine psychische "Fehlschaltung", die zu erkennen ich mich jahrelang geweigert habe, wird nicht mehr unterdrückt, sie kommt zum Vorschein. Erst wenn man ganz unten ist, geht es wieder bergauf.
 
Ich möchte wieder leben.
Ich möchte wieder die Sonne sehen, Wärme spüren, von Herzen lachen können.
Ich weiß, dass ich es schaffen werde.
 
Das Doppelleben
 
Es fällt mir schwer, dieses Doppelleben zu führen. Da stehe ich nun mit all meinen psychischen Defiziten, mit meinen Problemen, mit meinem Seelenschmerz, der in Form meines vernarbten Beines auch körperlich offenbar wird. Aber es gibt viele Orte, an denen ich mich nicht so zeigen kann - aus völlig unterschiedlichen Gründen: Ich sehe meinen Job gefährdet, weil in diesem Beruf psychische Stabilität vorausgesetzt wird. Was geschieht, wenn eine meiner Kolleginnen meine Narben entdeckt? Bei meiner Familie wage ich nicht "ich" zu sein aus Angst, daß sie mich in ihrem Ehrgeiz, mich vor mir selbst zu bewahren, überrollt. Ich traue mich nicht, ins Schwimmbad oder in die Sauna zu gehen, weil ich nicht weiß, was ich antworten soll, wenn ich auf meine Narben angesprochen werde. Bei Bekannten ist es schwierig, das durchaus positive Bild der Powerfrau durch das der orientierungslosen und hilfebedürftigen "Gestörten" zu ersetzen.
 
Schon Depressionen werden in der Gesellschaft oft als "Rumgejammere" abgetan. Sprüche wie "Nun hab Dich mal nicht so!" oder "Mein Gott, bist Du empfindlich!" schmerzen unglaublich, gutgemeinte Ratschläge wie "Dann mach halt mal was Schönes!" bringen einen wenig weiter. Natürlich möchte ich gern etwas Schönes machen. Fakt ist, dass ich nicht depressiv bin, weil ich nichts Schönes unternehme, sondern dass ich nichts Schönes unternehme, weil ich depressiv bin. Ich bin schlichtweg nicht mehr in der Lage, etwas zu unternehmen. Selbst Dinge, die mir früher viel bedeuteten, geben mir nichts mehr. Da gibt es nur noch eine tiefe Leere in mir, eine tiefe Traurigkeit, eine unüberwindbare Antriebslosigkeit, eine übergroße Müdigkeit. Depressiv sein - das hat nichts mit "sich hängenlassen" zu tun. Depressiv sein ist eine Krankheit, ebenso wie Autoaggression. Es sind Krankheiten, die einen tödlichen Verlauf nehmen können, wenn sie unbehandelt bleiben. Wer hätte schon den Mut, einer krebskranken Patientin das Recht auf eine fachmännische Behandlung und Verständnis abzusprechen? Wohl keiner. Warum geschieht es dann so oft mit uns Depressiven und Autoaggressiven?
 
(Das Comingout)
 
Dementsprechend schwer fällt es, sich zu "outen", sich als der Mensch, der man nun mal ist, in aller Konsequenz zu erkennen zu geben. Ich sehne mich danach, in allen Situationen und an allen Orten, bei jedem Menschen zu mir stehen zu können, akzeptiert zu werden wie ich bin. Aber es fehlt mir momentan noch an Mut. Die Zahl derer, die nun auch meine Schattenseiten kennen, wächst. Aber immer noch kann ich sie an zwei Händen abzählen. Um noch ein Vorurteil auszuräumen: Nein, ich will mit meinen Schnitten keine Aufmerksamkeit erzeugen. Obwohl mir Aufmerksamkeit guttut und ich mir diese Frage auch schon gestellt habe. Aber es steckt mehr dahinter. Ginge es mir nur um Aufmerksamkeit, würde ich mit meinem zerschnittenen Bein hausieren gehen. Aber ich verstecke es, obwohl es zu mir gehört. Es wäre nicht notwendig, dieses Doppelleben zu führen, wenn es mir darum ginge, Mitleid zu erregen. Auch diese vorschnellen Vermutungen der nicht-betroffenen Mitmenschen schmerzen und führen dazu, dass bei den meisten von uns das Versteckspiel weitergeht. Es wäre schön, wenn sich Menschen, die sich in Bezug auf psychische Erkrankungen äußern, vorher informieren würden. Denn hinter diesen Aussagen steckt Ahnungslosigkeit und Ignoranz. Ich wünsche mir etwas mehr Bereitschaft, sich auf andere einzulassen, auch wenn sie "anders" sind.
 
Amen ;-)
 
01.04.2003
 

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