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Wenn Ihr mich nicht bestraft,
dann muß ich das eben selber machen...

Einsamer Reiter, 31 Jahre

Also, hier meine Geschichte:
 
Die zentrale Frage ist wahrscheinlich, warum verletzte ich mich selber. Ich kann sie nicht bis ins Letzte schlüssig beantworten. Das kann wahrscheinlich niemand. Aber ich habe Annäherungen an die Antwort gefunden. Man sagt immer, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Und was meiner Meinung nach auch noch wichtig ist: Viele Hunde sind des Hasen Tod. Die ganzen Erlebnisse in meinem Leben prägen mich. Man kann nicht eines heraus nehmen und daraus mein ganzes Leben erklären. Und eine Sache die falsch gelaufen ist, bringt mich nicht um. Es sind wahrscheinlich eine ganze Kette von Aktionen-Reaktionen, die mich zu dem gemacht haben was ich bin.
 
Ich denke, geprägt hat mich sehr die Beziehung zu meinem Bruder, bzw. was daraus im Laufe meiner Kindheit wurde. Wir konnten nicht besonders gut miteinander. Er hat ständig geärgert, ich hab ihm was auf die Nase gegeben, er hat geheult und wir beide haben kommentarlos Schläge bezogen. Klingt nach gerechter Verteilung, hat bei mir aber wahrscheinlich bewirkt, dass ich irgendwann lernte: "Aha, du hast was falsch gemacht, also bekommst du die Strafe (und die muss gehörig weh tun)." Subtile Strafen wie Liebesentzug gab es bei uns nicht (wahrscheinlich ein Segen).
 
Klar, irgendwann wurde ich "zu alt" zum geschlagen werden, von da an blieb die Bestrafung aus, und, ich glaube, das ist der Haken an der ganzen Sache. Wenn mich niemand anderes bestraft, wenn ich etwas (in meinen Augen[?]) falsch gemacht habe, dann muss ich mich eben selbst bestrafen. Wie, das könnt ihr ahnen.
Jedes Mal wenn ich über meine eigenen "strengen" Regeln getreten bin und nichts passiert ist, musste ich es passieren lassen. Das war für mich völlig normal und hatte nichts "Krankes" an sich.
 
Lange blieb das unentdeckt, einmal hat mich meine Mutter auf die frischen Wunden angesprochen (deutlich sichtbar auf dem Handrücken, aber nicht als Hilferuf gedacht), ich hab sie zum Schweigen gebracht indem ich einfach gesagt habe, dass ich mich da mit einem Messer gesc**it**n habe. Das hat sie wahrscheinlich so plattgebügelt, dass ihr die Worte fehlten. War vielleicht besser so, denn sie hätte mir bestimmt das Leben zur Hölle machen können durch ständiges nachfragen (das soll keine Vorbildfunktion haben!). Es war nur so, dass ich gemerkt habe, dass meine Mutter in meinen Tagebüchern und Gedichtbüchern liest, und das war der totale Vertrauensbruch für mich! Zu dem Zeitpunkt hat sie auch schon lange nicht mehr geschnallt, was in mir vorgeht.
 
Sie dachte ich befände mich im Anfang der Pubertät, ich hatte den Eindruck, dass ich meinen Mitschülern seit ca. 3 Jahren um 4 Jahre voraus war. Als die sich mit 14-Tage-Beziehungen "abgaben", suchte ich nach der "Frau fürs Leben". Ich verbrachte die meiste Zeit damit nachzudenken. Über das Verhalten meiner Mitschüler, über Gott und die Welt, und so weiter. Ich hatte Freunde, die teilweise 5 Jahre älter waren als ich (mit 12 Jahren), die waren mir "gewachsen", bzw. die beschäftigten sich mit Themen, die mich interessierten.
 
Ich machte meinen Abschluss, begann eine Lehre (Energieelektroniker) und hatte erstmals Kontakt zu jemandem, der sich auch verletzt (dies aber öffentlich verleugnet hat). Irgendwann im letzten Ausbildungsjahr hat jemand anderes meine Narben auf dem Arm bemerkt. Er fragte, wie das passiert sei, und ich sagte ihm wie. Reaktion war Unglaube, woraufhin ich eine Kli**e aus der Tasche zog und mir eine tiefe Wu**e zufügte, direkt neben die anderen. Da merkte ich zum ersten Mal, dass das nicht normal sein kann und ließ es seitdem bleiben.
 
Lange Zeit habe ich nicht mehr ans verletzen gedacht. Bis zu meinem Praktikum in der Psychiatrie. Ihr kennt es ja selber, was passieren kann, wenn man zu nah an die eigenen Gefühle rankommt. Es triggert - und wie. Einerseits merkte ich, dass ich nicht so war wie einige Patientinnen, denn ich verletzte mich schon seit ca. 4 Jahren nicht mehr, andererseits kam ich heftig mit meinen Gefühlen in Kontakt. Da waren hauptsächlich Frauen, die se**ell mi*br***ht worden waren, und ich hasste diese Männer, die das getan hatten. Ich war selbst ein Mann und ich hasste mich dafür! Nicht erst seit diesem Zeitpunkt, schon früher habe ich diese Gefühle gehabt, wenn Frauen von Männern Gewalt angetan wird. In welcher Form auch immer. Aber ich habe die Auswirkungen noch nie so knallhart mitbekommen wie jetzt.
 
Ich wurde aus der Psychiatrie "entlassen" mit einer beginnenden Depression (die ich zunächst nicht richtig einordnen konnte), die sich durch den Stress auf meiner Prüfungsstation immer mehr verstärkte. Ich malte wie "verrückt" Bilder, die ich leider weggeschmissen habe, sonst würde ich sie hier vielleicht zeigen. Sie haben mir ein bisschen geholfen, mich zu verstehen, meine Situation hat sich aber nicht geändert. Ein Freund hat mir mit Gesprächen geholfen, Therapie nahm ich keine in Anspruch, ich wusste einfach nicht wie. Heute bin ich schlauer... Das ganze ging so weit, dass ich bereit war einen Selbstm***versuch vorzutäuschen, um aus diesem Stress rauszukommen. Das hab ich zum Glück nicht gemacht, außerdem hätte es meine Prüfung gefährdet - entweder durch die schwere der Verletzung oder durch eine Einweisung in eine Psychiatrie (heute würde ich die Psychiatrie vorziehen, denke ich).
 
Dann kam der Prüfungstag, und alles viel von mir ab. Es ging mir besser, noch besser, als ich nicht mehr arbeiten musste, sondern den Prüfungsblockunterricht hatte. Trotzdem ist die Depression nicht schlagartig gewichen, sondern hat sich langsam ausgeschlichen. Dann habe ich die Prüfung geschafft, besser als ich erwartet habe, andererseits auch nicht ganz überraschend. Ich hatte zu der Zeit schon eine Arbeit nach der Ausbildung sicher. Das ging bei mir immer so glatt. Ich habe das Gefühl, was ich auch machen werde, das wird mir gelingen. Angst hab ich nur davor, dass ich einmal enttäuscht werde, aber das wird dann zeigen. Das ist das einzige, wo ich wirklich Sicherheit habe: Ich werde Arbeit haben! Das ist ein großer Trost in der heutigen Zeit.
 
Ich bin in einen ambulanten Pflegedienst gegangen, weil ich gemerkt habe, dass der Krankenhausalltag krank macht. Viel lieber hätte ich natürlich in einer Psychiatrie gearbeitet, aber das ist viel zu nah an meinen eigenen Problemen dran, das hab ich mehr als deutlich gemerkt. In dem Pflegedienst bin ich gut angekommen, ich hatte Zeit für die Patienten, und das wollte ich auch. Nach einem halben Jahr war ich stellvertretende Pflegedienstleitung und nach einem Jahr habe ich den Pflegedienst selbst geleitet. Ich merkte aber sehr schnell, dass ich wieder auf dem besten Weg in eine Depression war, denn grade die Anfangszeit war eine Feuertaufe. Aus 5 Wochen Urlaub direkt hinein ins Vergnügen...
 
Diesmal konnte ich gegensteuern, weil ich rechtzeitig die Veränderung gemerkt habe. Vier Jahre später habe ich die Veränderung auch gemerkt, aber mir waren die Hände gebunden. Die ganze Belegschaft stand unter enormem Stress, der Pflegedienst war kurz vorm Aus, wegen Misswirtschaft der Geschäftsführung. Ich stand allein auf weiter Front, der Vorstand hat mir meine Stellvertretung weggenommen und jemand völlig inkompetenten an ihren Platz gestellt. Ich habe für 3 Leute gearbeitet und ich konnte nicht mehr!
 
An diesem Punkt habe eine SVV'lerin kannengelernt, in einem Spinchatraum. Und damit auch die Seite versteckte-scham.de gefunden. Ich hielt den Stress nicht mehr aus, dachte nur noch ans Schn*****. Zog mich emotional immer mehr zurück. Und konnte nicht ausbrechen aus dieser ganzen Scheiße. Die Foren und das, was ich auf der Seite gelesen habe, hat mich sehr getriggert, noch hatte ich aber nicht geschnitten.
 
Irgendwann habe ich dann den Schritt nach außen gewagt: Ich kannte ja die Tagesklinik von meinem Praktikum und das war meine erste Anlaufstelle. Die Oberärztin hat ein Gespräch mit mir geführt und mir ins Gesicht gesagt, dass ich eine Depression hätte. Ich meine, das war mir vorher auch schon mehr oder weniger klar, aber jetzt hatte ich es quasi schwarz auf weiß. Ich stellte mich nicht nur an!!! Das war eigentlich eine Erleichterung für mich. So erleichternd, dass ich mich plötzlich nicht mehr ganz so depressiv fühlte und fast meine Bemühungen um einen Therapieplatz aufgegeben hätte. Paradox, nicht wahr?
 
Ich hab einen Termin bekommen, in zwei Monaten. Ich sagte zu. Ich hatte nur noch eine Woche bis zu meinem Urlaub (den wollte man mir eigentlich streichen, aber ich hab ihn doch gekriegt, mit der Drohung der Kündigung). Diese Woche wollte ich noch überstehen. Der Urlaub war der reinste Albtraum. Die Ärztin hatte mich gewarnt: "Wenn der Stress weg ist, werden Sie wahrscheinlich in ein tiefes Loch fallen! Passen Sie auf sich auf und nehmen sie sich viel vor!" Sie hatte recht! Nach 7 Jahren machte ich meinen ersten C*t. Es hat mich nicht befriedigt, ich wurde nicht ruhiger dadurch, in mir war nichts als Leere. Und das Gesicht meiner Frau werde ich nie vergessen! Ich merkte, es ist kein Weg! Dann fuhren wir weg, meine Frau, Daniel und mein Vater. Nach Mecklenburg-Vorpommern. Wunderschöner Urlaub, nur nicht für mich. Die zwei Wochen habe ich mich kaum erholt.
 
Als ich wieder Arbeiten musste, konnte ich dies kaum. Meine Vorgesetzte hatte in drei Wochen die komplette Belegschaft aufgemischt, den Dienstplan in ein Chaos gestürzt, die Patienten aufgerührt. Ich kam vom Vorhof der Hölle direkt ins Fegefeuer. Ich saß in meinem Büro, zitterte am ganzen Körper und machte vom Büro aus noch einen Termin für Nachmittags bei meinem Arzt. Der schrieb mich prompt zwei Wochen krank. Die erste Therapiesitzung kam, eigentlich enttäuschend, aber ich wollte das. Ich hab ne Hausaufgabe bekommen, wenn ich die erledigt hätte und immer noch bei ihm ne Therapiemachen wolle, könnte ich mich für die nächsten Termine melden. Ich habe drei mal nachfragen müssen, letztendlich habe ich mir alles Wort für Wort aufgeschrieben. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Alles was man mir sagte, war in wenigen Minuten aus meinem Hirn ausgelöscht. Ich habe die Hausaufgabe gemacht und war mir sicher, dass ich zu ihm nicht mehr hingehen wollte. Ich wollte mir eine neue Therapie in Bielefeld suchen, weil das näher an meinem neuen Arbeitsplatz war.
In diesen zwei Wochen hatte ich mir eine neue Stelle besorgt, die ich innerhalb eines Monats per Auflösungsvertrag antreten konnte. Nach den zwei Wochen begann ein Spießrutenlauf. Ich arbeitete alles was fünf Wochen liegengeblieben war auf! Immer unter den Augen der Vorstandsvorsitzenden, die mir die Schuld an der ganzen Misere gab. Noch heute (über ein Jahr nach dem ganzen) kriecht eine Wut und andererseits Ohnmächtigkeit und Traurigkeit in mir hoch, jedes Mal wenn ich an diese ganze Zeit denke.
 
Seit einem Jahr arbeite ich jetzt in einem Altenheim - um eine neue Therapie habe ich mich nicht gekümmert, weil ich sicher war, dass ich jetzt besser auf mich aufpassen könnte. Und es ging mir wieder gut, auf der neuen Arbeit und in der Familie und psychisch. Die Arbeit ist nicht gerade leichter. Und gerade in letzter Zeit leide ich wieder sehr an Überlastung. Wieder gerate ich in eine Depression. Wiederholt sich alles in Jahresrhythmen? Diesmal werde ich keinen Rückzieher machen. Ich habe die Therapeutin schon angerufen um einen Termin für ein erstes Gespräch. Ich will an mir arbeiten...
 
Nachtrag:
Mittlerweile habe ich ein paar Therapiestunden hinter mich gebracht und Vertrauen zu der Therapeutin gefasst. Es war eine harte Zeit, in der ich fasst verzweifelt bin. Meine Therapeutin sagte bei einem der ersten Gespräche: "Auch wenn Sie das jetzt nicht glauben, es gibt Hilfe und es wird besser werden!" Ich habe es ihr nicht geglaubt, oder besser, meine Ratio hat sich an diesen Satz geklammert, aber mein Gefühl hat es nicht glauben können.
Depression ist eine finstere Leere, es gibt Momente in denen mir liebe Menschen weh tun und ich mich aufgrund meiner Verfassung nicht geeignet wehren kann. In diesen Momente bildet sich in mir ein schwarzes Loch das alle Energie, alle Gefühle, alle Kraft aus mir heraussaugt. Äußerlich sacke ich total zusammen, liege nur noch bewegungslos in einer Ecke, kann nicht mal mehr weinen, habe keine Gefühle mehr. Innerlich fühlt sich das ganze an, als wäre man ein Tiger, der in einem viel zu engen Käfig an den Gitterstäben hin und her streicht. Ein Tiger der eigentlich gar keine Kraft hat hin und her zu laufen. Nicht mal mehr die Kraft eine Klinge zu nehmen. Und das ist gut so! Hätte ich die Kraft gehabt, ich würde dies nicht mehr schreiben können. Dieses - Gefühl kann man es eigentlich nicht nennen, denn es ist nur Leere ohne Gefühle - ist so grausam und schrecklich, dass man es nicht ertragen kann, dass man es nicht mehr ertragen möchte, sondern nur noch einen Gedanken kennt: Endlich sich selbst erlösen.
 
Ein paar Tage später berichtete ich dies meiner Therapeutin, und interessanterweise ging es mir ein paar Tage nach diesen Ereignissen besser. Von einer Sekunde auf die andere, könnte man sagen. Meiner Therapeutin war sehr überrascht, und ich denke auch, dass dies nicht die Regel ist! Diese Ereignisse werden jetzt langsam immer schwächer und sind auch nicht mehr so häufig wie noch vor ein paar Wochen. Langsam habe ich wieder Hoffnung, und auch mein Gefühl glaubt wieder an ein "normales" Leben. Ich habe einen verständnisvollen Chef, und eine gute Therapeutin erwischt, das ist viel wert. Und natürlich eine liebe Frau, die trotz allem zu mir hält. Ich weiß, dass mein Leben nicht einfach für sie ist, aber ich arrangiere mich langsam wieder mit dem Leben...
 
Ich hoffe, einigen ein wenig Mut gemacht zu haben: Es gibt ein Leben nach der Depression, ohne SVV, irgendwie! Meine Therapeutin sagte mir nach dem letzten Cut: "Sie haben eine Möglichkeit mit Stress umzugehen, und Sie wenden Sie an. Das ist okay! Noch konnten Sie keine anderen Möglichkeiten erlernen, aber daran arbeiten wir noch!" Dieser Satz hat mir sehr geholfen. Er nimmt eine Menge Druck weg, weil eigentlich will ich mich nicht mehr selbst verletzen. Aber wenn es denn sein "muss".....
 
06.02.2003
 

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