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Meine Geschichte

Diane, 23 Jahre

Ich bin 23 Jahre alt und bei mir fing alles vor etwa 10 Jahren an. Das heißt, wann genau es anfing, kann ich gar nicht sagen, es ist in dieser Zeit so viel um mich herum und mit mir passiert, dass es mir ist, als wäre ich nicht wirklich dabei gewesen! Durch mein ganzes Leben zieht sich ein roter Faden, im wahrsten Sinne des Wortes wohl, und immer wieder sagt mir eine leise Stimme: Du bist nicht gewollt, du hast hier gar nichts zu suchen, dich will niemand.
 
Ich war ein Adoptivkind, hatte aber eine relativ glückliche Kindheit, nur dass sie aufhörte, als ich 13 Jahre alt war. Meine Mutter siechte (es dauerte sehr lange) am Krebs dahin, ich wusste nicht, was sie hatte, aber ich wußte, daß ich nicht helfen kann. Dass niemand helfen konnte, wusste ich wohl auch, aber das Schlimmste war, dass ich nicht helfen konnte.
 
Nach dem Tod meiner Mutter durchlebte ich zwei Jahre, in denen ich ein Wunder an kindlicher Stärke war, ich kam damit klar, bis ich alleine war, dann half mir das schneiden dabei. Wie ich darauf kam, weiss ich nicht mehr, aber es machte mich frei, es war etwas, was ich bestimmen konnte. Es lag alleine bei mir. Und vor allem ( das habe ich inzwischen schon oft gelesen ) , ich merkte, dass ich lebe. Sehr intensiv und stark. Ich kann es nicht recht beschreiben, es ist schwer. Aber es ist wohl richtig, es eine Sucht zu nennen.
 
Die Schule interessierte mich nicht mehr, ich ging im Wald spazieren, machte mir mein "Ritual", jeden Tag. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mein Vater dahinter kam. Er "erwischte" mich an meinen Unterarmen. Heute noch verstehe ich es nicht, aber mir war es egal. Gut, dachte ich, dann weiß er es eben. Nicht, dass er mir gleichgültig gewesen wäre, ich hatte einfach kein Interese daran.
 
Ich wurde in eine Klinik eingewiesen. Gut oder schlecht, ich weiss es nicht, aber es war immer der Selbstmord im Gespräch, obwohl ich das ja gar nicht wollte. Zu den übrigen Narben, die ja nun schon auf beiden Armen verteilt waren, fragte niemand zu keiner Zeit. Ich habe gute und schlechte Erfahrungen gemacht, aber immer hatte ich das Gefühl, von meinem Gegenüber nicht verstanden zu werden. Wissen die wirklich, was das ist, was mich treibt? Wissen die, wie ich mich fühle? Können die dir helfen? Im entferntesten ?
Insgesammt verbrachte ich knapp ein halbes Jahr in der Klinik und danach weitere 3 Jahre in Behandlung einer Therapeutin. Aber nie kam ich auf die Idee, dass das Schneiden der springende Punkt war, ich hatte mich daran gewöhnt, es ist ein Teil von mir. Alleine den Schmerz genieße ich. Ich habe eine sehr hohe Schmerzgrenze, ich weiss nicht, wie das bei anderen Betroffenen ist, aber ich halte wahnsinnig viel aus, bevor etwas wirklich weh tut.
 
Auf jeden Fall dachte ich mit 18, ich hätte das Thema "horch, du wolltest dich wohl umbringen ?!" hinter mir gelassen. Ich lernte einen jungen Mann kennen, wir verliebten uns. Meine langjährige Freundin aus der Klinik heiratete seinen Bruder, zwei Jahre später heiratete ich ihn. Also auch Highlights in meinem Leben.
Mein Mann wußte von meiner Vergangenheit, aber reden wollte er nie bewußt darüber. Ich bekam eine süße Tochter, mittlerweile ist sie zwei Jahre alt. Aber auch das Frau-und-Mutter sein hielt mir meinen "Fluch" nicht fern. Ich glaube, dass der Drang, es zu tun, in etwa zu der Zeit wieder kam, als ich schwanger war. Die eigentlich glücklichste Zeit im Leben einer Frau. Grund genug für mich zu fragen : Was bin ich für eine Frau ? Ich liebe mein Kind und ich habe furchtbare Angst, meine Kleine mit so etwas zu belasten. Sie hat ein Recht auf eine glückliche Mutter.
 
Vor einem halben Jahr habe ich das erste mal seit 8 Jahren wieder geschnitten, und ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich Stress hatte, oder einen Streit mit meinem Mann oder sonst etwas. Und sofort scheint "mein kleines Kind drinnen" wieder zu schreien: siehst du, die wollen dich nicht. Es holt mich wieder ein, aber warum. Ich dachte, es wäre vorbei. Wie soll ich meinem Mann erklären, was in mir vorgeht, er weiss noch nicht einmal, was damals vorging.
Jetzt bin ich eine Mutter, bin ich auch eine schlechte Mutter ? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, irgendwann werde ich eine Lösung finden, mit der ich leben kann. Ich denke daran, mir wieder Hilfe zu holen, aber wer weiß, ob ich das über mich bringe. Zu schwer, es meinem Mann zu erklären,ich habe es versucht, aber es ging nicht, und was ist mit der Familie ? Schwiegereltern ?
 
Es scheint mir unlösbar. Und was ist mit unserem Kind ? Ich begreife nicht, warum ich so bin, ich habe alles, was man sich wünschen kann. Aber das hat wohl damit nichts zu tun. Da war irgendwann etwas, und es lässt mich nicht los. Es ist so, als wäre da ein Knopf, auf dem steht: Denk dran, was du tun mußt, wenn's holperig wird! Ein kleiner Streit genügt, ein Wort manchmal schon, und bei mir dreht eine Sicherung durch, die mir sagt: Na komm, das musst du jetzt tun. Als bliebe mir keine andere Wahl.
 
Ich weiss nicht, wie ich das bewältigen soll, aber ich muß wohl, für meinen Mann und unser Kind . Und ich muß wohl lernen, damit zu leben, wie ich bin. Und damit umzugehen. Allen, denen es geht wie mir, wünsche ich alles Gute, Verständnis, Vertrauen, auch wenn es schwer fällt, eine haltende Hand und viel, viel Liebe von außen.
 
26.09.2002
 
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