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Mein Leben

Moonstar, 20 Jahre

Vergangenheit
 
Es ist immer schwer einen Anfang zu finden, wenn man erklären soll, warum man sich eigentlich verletzt. Ich denke, es hat immer viele Gründe. Ich weiß nicht mehr, wann es bei mir angefangen hat. In meinem Leben ist so einiges schiefgelaufen. Als ich zwei Jahre alt war haben meine Eltern sich getrennt. Dann kam ein neuer Mann und alles schien toll. In der Zeit war mein Vater bereits Alkoholiker und somit nie für mich da, weil er immer betrunken auf der Couch lag, wenn ich ihn gesucht habe. Der neue Freund meiner Mutter hatte eine kleine Tochter, zwei Jahre jünger als ich. Er hat mich m*ssbr**cht. Um seine Tochter zu schützen sagte er einmal. Dann kam die Trennung und meine Mutter hatte direkt einen Neuen. Da war ich 11. Ein Jahr später wurde ich in einem Ferienlager von einem Betreuer und zwei Jugendlichen über drei Wochen hinweg täglich wieder und wieder v*rg*w*lt*gt. Danach war ich tot. Zumindest geistig. Als das alles wieder hochkam (was ich natürlich erfolgreich verdrängen konnte), war ich etwa 15 und ich glaube, da fing ich an mich zu verletzen.
Zum einen hielt ich den Schmerz nicht mehr aus, der immer größer wurde und immer unerträglicher. Und ich wollte mich verstümmeln, weil ich nicht wollte, dass sowas je wieder passieren könnte und wenn ich meinem Körper Narben zufüge, dann will mich keiner mehr. So dachte ich. Ich wurde magersüchtig und sah es weniger als eine Diät oder so sondern als Weg, mich anders zu verletzen. Essensentzug als Strafe oder so.
 
Irgendwann kam ich ins Krankenhaus, weil ich operiert werden sollte und da kam die Ärztin und untersuchte mich, während meine Mutter daneben stand. Kurz davor hatte ich mich geschnitten und völlig vergessen, einen Verband anzulegen. Ausserdem rechnete ich nicht damit, dass jemand meine Arme sehen würde. Ich zog meinen Pulli hoch und erschrak selber als ich die roten Arme sah, weil ich es wirklich vergessen hatte. Meine Mutter starrte völlig fassungslos. Sie weinte, als die Ärztin weg war. Diese fragte nur, was ich denn da wohl gemacht hatte und ich meinte, mein Meerschweinchen hätte mich gekratzt. Sie hats geglaubt, meine Mutter nicht. Sie brach zusammen und machte mir fürchterliche Vorwürfe, wie ich ihr so was nur antun könnte, sie hätte doch schon genug Sorgen. Seither ist das Verhältnis zu ihr kaputt. Ich konnte nie mit ihr reden, über nichts von dem, was je passiert ist. Und sie hätte es ohnehin nicht verstanden.
 
Gegenwart
 
Heute verletze ich mich noch immer, jedoch wesentlich seltener als je zuvor. Ich lebe in einer Beziehung und bin gerade 500 km von zu Hause weggezogen. Der Abstand tut gut. Jetzt im Sommer ist es besonders schwer, weil jeder die Narben sehen würde, wenn man sich nicht versteckt. Es ist peinlich, wenn jemand meine Narben sieht, die Blicke sind schmerzhaft und manchmal glaube ich zu hören, was die Menschen alles krankes denken, wenn sie so was sehen. Viele verstehen es nicht. Wie sollten sie auch!? Sie halten uns für verrückt, krank, gestört. Aber keiner fragt, was dahinter steckt. Jede Narbe hat ihre Geschichte, auch wenn das dämlich klingt. Aber man schneidet sich ja nicht aus Langeweile. Ich kann immer nur von mir und meinen Erfahrungen ausgehen. Für mich wäre es sicher oft schön gewesen, wenn die Menschen, die es gesehen haben (es waren wenige und enge Freunde oder Verwandte) nicht einfach nur starren oder sogar anklagen (wie kannst du nur so was tun!!!???), sondern versuchen, zu reden. Zu verstehen. Fragen, warum und nicht anklagen. Jeder Schnitt hat ja einen Hintergrund und den geht es zu finden und nicht, die Symptome zu bekämpfen. Es bringt nichts, einem das Schneiden zu verbieten. Dann tut man es gerade.
 
In meiner Beziehung ist das immer wieder Thema. Er versteht es nicht und hat Angst, dass ich einmal zu tief schneide und dann alles vorbei ist. Ich habe nicht vor zu sterben. Ich möchte leben um zu kämpfen und um die zu verurteilen, die dafür verantwortlich sind, dass ich mich schneide. Und ich möchte kämpfen für andere, denen es geht wie mir und versuchen ihnen zu zeigen, dass es Auswege gibt und dass es andere Wege gibt als sich selbst zu verstümmeln.
Vor ein paar Wochen habe ich eine neue Therapie begonnen. Meine dritte bisher und ich hoffe, dass es diesmal endlich was ändert. Aber ich bin optimistisch und habe ein sehr gutes Gefühl. Sollte es dennoch wieder nichts werden, werde ich es weiter versuchen, solange, bis ich irgendwann einmal da bin, wo ich hin will. Ich habe lange genug den Kopf immer gesenkt mit mir rumgeschleppt und irgendwann habe ich mich gefragt, was das soll? ICH habe nichts getan. Es waren die anderen, die mich so verletzt haben, dass ich heute so bin wie ich bin. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen, ich kann nur versuchen, die Zukunft so zu gestalten, dass es für mich gut ist. Und das versuche ich jetzt.
 
Zukunft
 
Ich werde im Oktober anfangen zu studieren. Germanistik. Und ich möchte irgendwann einmal im Medienbereich arbeiten, vielleicht auch das Thema publik machen. Möchte Bücher schreiben, einfach durch meine Worte Menschen helfen. Oder durch das, was ich damit bewirken kann. Ich möchte gerne mit meinem Freund zusammen ziehen, ein Heim aufbauen, eine Familie gründen um endlich zu erfahren, was es heißt, Familie zu haben! Ich glaube, ich habe den Traum, den fast jeder Mensch hat: Ich möchte die Welt verändern. Ok, klingt arrogant. Aber irgendwo muss man ja anfangen und jeder kleine Schritt in die richtige Richtung ist mehr als nichts. Ich möchte viel reisen wenn ich es mir erlauben kann. Ich möchte gerne viel sehen, viel erleben, fremde Länder, neue Menschen, neue Kulturen. Und das werde ich auch tun. Ich weiß nicht, ob jemand was mit meiner Geschichte anfangen kann. Ich glaube nicht, dass es irgendwem hilft. Aber vielleicht klärt es auf. Vielleicht denkt auch nur einer mal drüber nach, dann hätte es sich schon gelohnt. Aber es hat gut getan, mal wieder alles aufzuschreiben, wenn auch nur sehr oberflächlich und knapp. Um es auszuführen bräuchte ich wahrscheinlich hunderte von Seiten und das würde den Rahmen sprengen.
Ich wünsche allen SVVlern Kraft, ihr Leben in den Griff zu bekommen, so, dass das Schneiden irgendwann völlig überflüssig wird. Und ich wünsche ihnen Menschen an ihrer Seite, die sie unterstützen und zu ihnen halten und den langen Weg mit ihnen gemeinsam gehen.
 
11.09.2002
 
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