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Therapie erst nach Schlüssselerlebnis
Mo, 20 Jahre
Angefangen hat bei mir alles vor über vier Jahren, mit 16 also. Hatte noch nie was von SVV gehört, wußte gar nicht,
dass soetwas existiert. Nun gut. Hatte Stress mit meinen Eltern, war zu feige, mich einfach über ihr Verbot
hinwegzusetzen. Hab mich so über mich selbst geärgert, dass ich nur noch heulen konnte, wäre am liebsten mit dem Kopf
gegen die Wand gelaufen, hab mir aber stattdessen so lange den Arm aufgekratzt bis es blutete.
So fing alles an. Hab´s dann noch ein, zwei Mal gemacht, dann war erstmal wieder Ruhe. Trotzdem verwirrte mich das
Ganze. Wieso hab ich das gemacht? Wie komme ich auf soetwas? Es war einfach in mir. Dieser Drang, meinen inneren
Schmerz, zum Teil auch die Wut auf mich selbst, rauszulassen.
Wenig später las ich in einer Jungenzeitschrift das erste Mal über SVV. Es wurde über ein Mädchen berichtet,
die sich immer wieder mit Rasierklingen die Arme aufschnitt. Nun ja, da hab ich mir dann mal ein paar Gedanken zu
dem Thema gemacht, aber nicht sonderlich viele.
Irgendwann fing ich dann aber an, mir in immer kürzeren Abständen Schmerzen zuzufügen. Irgendwann kam die Schere
dazu bis ich mir schließlich Rasierklingen zulegte. Es wurde sogar so schlimm, dass ich mich jeden Tag verletzte.
Zum Dank darf ich jetzt im Sommer in Pulli rumrennen. Nicht so toll. Hab aber angefangen, Narbenpflaster zu tragen,
mal sehen, ob es hilft. Zum Glück werden die Narben (nicht alle, aber einige) mich aber ein Leben lang daran erinnern,
was ich mal irgendwann, jetzt mit 20 Jahren durchgestanden habe.
Noch bin ich aber am Anfang. Habe vor ca. drei Monaten eine Therapie angefangen. Es gab da ein SCHLÜSSELERLEBNISS,
was mich zu dieser Entscheidung brachte: hatte wieder mal einige Zeit nicht geritzt (6 Monate), aber durch Stress
in meinem Umfeld wurde der Druck immer stärker. Wollte mir immernoch einreden, dass ich es auch ohne schaffe.
Naja, da lag ich aber falsch. Eine Woche lang habe ich jeden Abend gegen diesen Druck gekämpft. Hab zwar nicht geritzt,
mich aber jeden Abend übergeben müssen. Da habe ich gemerkt, "wie tief ich eigentlich schon drin stecke".
Habe dann alles ganz allein geregelt mit der Therapie. Mein Freund ist zum ersten Termin mitgekommen, hat aber vor
der Tür gewartet. Bin echt vor Aufregung fast gestorben, habe es aber bis jetzt noch nicht bereut, hingegangen zu sein.
Meine Diagnose bekam ich recht schnell: dissoziative Amnesie und posstraumatische Belastungsstörung. Nicht so
"populär" wie Borderline, aber vielleicht kennt das jemand. Bedeutet, dass ich irgendwann irgendetwas Traumatisches
erlebt und vergessen habe. Es ist zwar im impliziten Gedächtnis und beeinflußt so mein Denken und Handeln, aber ich
kann mich an nichts erinnern. SVV läßt auf irgendeinen Missbrauch körperlicher Art schließen (man richtet ja seine Wut
etc gegen seinen Körper). Dem nach zu urteilen, was ich so erzähle, ist sexueller Missbrauch nicht gerade unwahrscheinlich.
Traurig, aber wahr.
Aber es gibt auch Lichtblicke: mein Thera sagt, dass es kein schlechtes Zeichen ist, wenn nach und nach die Symptome
schlimmer werden und meine altbewährten Muster zu bröckeln beginnen. Das läßt darauf schliessen, dass ich stark genug
bin, dieses Trauma zu verarbeiten und dass das, was mich bedroht hat, vorbei ist. Deshalb können die Erinnerungen jeden
Tag wieder kommen. *zitter* Mal schauen, ich versuche, so wenig wie möglich darüber nachzudenken.
Warum die Thera auch ohne Erinnerungen wichtig und hilfreich ist?!
Nun ja, mir wird deutlich gemacht, wie ich all die Jahre "überleben" konnte. - Ich kann negative Gefühle einfach
"wegmachen". Die gibt es dann einfach nicht mehr. Oder ich gehe in gewissen Situationen "einfach weg". So kann ich
mich davor schützen, verletzt zu werden. Als Ausgleich muss ich mich halt selbst verletzen, denn negative Gefühle
sind ja da, ich habe sie lediglich nicht ausgelebt, nicht gespürt. Das weggehen kann ich ganz schlecht beschreiben.
Ich gehe nicht an einen bestimmten "inneren Ort", sondern löse einfach Körper und Geist voneinander. Irgendwie so kann
man es vielleicht beschreiben.
Überhaupt habe ich nie gelernt, auf meine Gefühle zu achten. Auf diese Weise schade ich mir in vielerlei Hinsicht.
Mein Therapeut fragt immer "Haben sie wieder geritzt?" Wenn ich verneine, folgt die Frage, wie ich mir sonst geschadet
habe. Anfangs habe ich das ja gar nicht verstanden, aber ich lerne dazu. Zum Beispiel war (bin??) ich anorektisch,
auch eine Form von SVV. Mal ganz davon abgesehen, dass ich z.B. Sport trotz Kreislaufproblemen mache oder mich ungesund
ernähre. Wichtig zu erwähnen wäre wohl auch noch die Tatsache, dass ich ständig Dinge mache, nur um anderen einen
Gefallen zu tun. Auch das schadet, denn meine Bedürfnisse werden ja vernachlässigt.
Erstaunt war ich in den letzten Stunden, als er mir vor Augen geführt hat, dass ich sogar bei menschlicher Nähe völlig
weggehe. Er hat meine Hand gehalten, und mir gesagt, was er beobachtet hat: meine Stimmung ist völlig umgeschwungen
(von down auf up) und ich bin einfach mit sämtlichen Empfindungen aus meiner Hand geflohen. Echt krass.
Mmh, ich weiß nicht, ob irgendwer mit dem Geschreibsel was anfangen kann. Die Geschichte mit der Thera ist so komplex.
Ich lerne so viel über mich. Wichtig finde ich es, Dinge die ganze Woche über aufzuschreiben und dann mit zur Thera
zu nehmen. Wichtig finde ich auch, dass die Thera MEIN Raum ist, wo ich so sein kann wie ich bin. NIEMAND sonst
gehört dahin. Zumindest jetzt noch nicht. Ich muss da erstmal Vertrauen schöpfen und mich einigermaßen geborgen fühlen.
Meine Mutter hat mal gefragt, ob sie mitkommen kann und einfach nur zuhören kann, aber in meinen Augen ist das der
falsche Weg. Wenn sie mich verstehen will, soll sie Fragen stellen. Sie kann fragen, wie mein "Weggehen" aussieht
oder sonst irgendetwas, aber die Therapie ist allein meine Sache. Das finde ich sehr wichtig.
17.06.2002
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