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Ein versautes Leben?

MarySue, 15 Jahre

Ich hab mich auch entschieden, einen Erlebnisbericht zu schreiben, vielleicht hilft das den Angehörigen beim verstehen etwas... man tut halt, was man kann!
Wann es angefangen hat, in meiner Psyche zu wackeln, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht liegt es ja doch an der Trennung meiner Eltern? Obwohl ich das ehrlich nicht glaube, es ging mir in meiner Familie fast immer ziemlich gut und weder mein Vater noch meiner Mutter haben je versucht, mich gegen den Ex-Partner/die Ex-Partnerin aufzuhetzen.
 
So war dann auch das erste Erlebnis aus meinem Leben, dass ich als "schlimm" bezeichnen würde, die Fast-Vergewaltigung auf der Schultoilette in der ersten Klasse. Wenn ich meine Augen schließe und mich daran erinnere, spüre ich heute noch den Körper, der mich an die Wand drückt... Ich wusste, dass ich nicht daran Schuld bin, ich wusste, dass der Junge bestraft werden würde, wenn ich es erzähle würde, aber ich schwieg. Drei Jahre lang. Nach drei Jahren heulte ich mich bei meiner Klassenlehrerin aus, doch nachdem ich gesagt hatte, dass ich es meiner Mutter nicht erzählen möchte, machte sie nichts mehr. Dann schwieg ich nochmal fünf Jahre, bis ich mich einer Sozialpädagogin, die ich ganz gut kannte, anvertraut habe. Diese ging mit mir zu einer Beratungsstelle. Gezwungenermaßen musste ich es vor zwei Monaten dann  meiner Mutter doch erzählen...
 
Zurück zum Thema SVV. Ich glaube ich war 9, als es damit angefangen hat. Ich habe mir eine (ziemlich lange) Zeit in dem Alter die Lippen aufgerissen. Täglich. Es war aber nicht, weil es mir schlecht ging, sondern weil es wie ein Kick war, der Schmerz und das Blut haben mir irgendwie gut getan. Auch mit 9 Jahren hatte ich meinen ersten, einzigen und hoffentlich auch letzten Selbstmordversuch. Es hat niemand gemerkt, kaum jemand weiß es. Aber ich habe mir damals auch "nur" den Kopf in einer Düne eingebuddelt, um mich zu ersticken. Der Auslöser dafür war wohl, dass plötzlich die heute oft noch alles bestimmende Frage in meinem Kopf auftaucht: "Wer bin ich?" Die einzige Antwort, die ich mir selbst gab, war: "Sinnlos. Nutzlos. Wertlos." So fühlte ich mich damals wirklich und ich dachte zu sterben wäre das beste für mich, wenn ich doch eh nicht in dieser Welt fehlen würde.
Dann war erstnmal Pause mit SVV, bis ich so 10/11 war. Ich weiß echt nicht, wie ich darauf gekommen bin (aber wahrscheinlich lag es an dem Heiligenbuch von meiner Oma, in dem sich die ganzen "Heiligen" immer kasteit haben, auch wenn es sich jetzt echt doof anhört) - damals habe ich mich mit einem Ledergürtel geschlagen, wenn ich traurig war. Ausgeheult habe ich mich normalerweise nirgendwo, ich war zwar die Kummerkastentante, aber mich selbst jemandem mitteilen? Nie. Ich habe schon gehofft, dass rote Striemen auf meinem Körper bleiben würden und es jemand sieht, habe aber nie etwas gesagt.
 
Mit 12 wäre ich dann fast magersüchtig geworden. Ich habe immer bei meiner besten Freundin Mittag gegessen, und die war zwar nicht pummelig oder so, hatte aber etwas mehr auf den Rippen. Ihre eigene Mutter hat ihr andauernd gesagt, wie fett sie wäre und wollte ihr das Essen verbieten. Mit dem Erfolg, dass sie fast Bulimie bekommen hätte. Ich selbst hab irgendwann die Sprüche auch auf mich bezogen. Überall fand ich plötzlich Fett, und dann ging es ganz schnell: Plötzlich konnte ich nicht mehr "vernünftig" essen. Bis ich an einem Tag auf der Waage stand und sah, dass ich nur zwei Tage gebraucht hatte, um drei Kilo abzunehmen. Es war ein Schock! Ich wollte doch nicht magersüchtig, krank und untergewichtig werden!!! Danach konnte ich wieder "normal" essen, aber ein gutes Körpergefühl habe ich bis heute nicht.
Danach kam auch erst einmal wieder eine Pause. Bis vor einem guten Dreivierteljahr. Ich fing an, immer dann, wenn es mir schlecht ging oder ich plötzlich aussehen wollte wie ein "Magermodel", zwei, drei Tage zu  hungern. Nach diesen Tagen fraß ich, wie um mir selbst zu beweisen, dass ich keine Probleme mit Essen habe, alles in mich hineinzustopfen. Langsam aber sicher artete es aus und heute habe ich Bulimarexie, eine Mischform aus Bulimie und Anorexie, allerdings gehöre ich zu den essgestörten Menschen, denen man es überhaupt nicht ansieht.
 
Vor zwei Monaten schließlich habe ich meine drei besten Freundinnen verloren. Wieder kam der Impuls, etwas zu tun, ich fraß Wahnsinnsmengen in mich hinein, schaffte es aber nicht, mich zu übergeben. Ich hatte immer noch den totalen Druck, etwas zu tun, war im Badezimmer - und dort lag der Rasierer des Mannes meiner Mutter. Ich erinnerte mich plötzlich an den Satz einer Freundin: "Für einen kurzen Moment geht der innere Schmerz nach außen." (Obwohl ich diese Freundin nicht für mein cutten verantwortlich machen will!!!!) Ich nahm die Klinge und schnitt. Ich fühlte mich zwar unglaublich schmutzig und leer, war aber erleichtert. Am  nächsten Tag nahm ich die Klinge mit in die Schule und cuttete dort. Später an diesem Tag bekam es meine Mutter mit und ich versprach ihr, mich nie wieder zu verletzen. 1 ½  Wochen konnte ich dieses Versprechen halten. Da ich einer Freundin meine Klingen gegeben hatte, hatte ich in der Schule, als der Druck wiederkam, nur eine Sicherheitsnadel an meiner Federmappe, mit der ich ritzte. Später an dem Tag bekam ich eine Rasierklinge zum rasieren wieder, ich lief sofort auf die Schultoilette und cuttete wieder. Es half mir irgendwie, weil ich mich total einsam und ungeliebt fühlte, nicht weinen und nicht meine Gefühle ausdrücken konnte... wie heute auch noch so oft. Wieder blieb ich 2 Wochen clean.. Doch dann ging es wieder los: Ich war bei meinem Vater, hatte starke Stimmungsschwankungen und war kurz davor, mich einfach in die Wohnung zu stellen und rumzubrüllen. Ich brauchte Ruhe, war aber dabei, durchzudrehen. Ich griff wieder zu Rasierklinge und Sicherheitsnadel und war ruhig. Seitdem cutte ich mehr oder weniger regelmäßig, habe aber vollständig aufgehört, mich mit der Sicherheitsnadel zu ritzen.  Wenn ich die Schmerzen an meinem Arm spüre, muss ich die Schmerzen in meiner Seele nicht spüren. Es tut gut, für einen Moment, danach ist Ruhe, oft auch Leere.
 
Jetzt bin ich dabei, eine Therapie anzufangen und habe schon eins begriffen: Die Essstörungen und das SVV sind nur die Spitze des Eisberges. Die eigentlichen Probleme liegen darunter!
 
19.05.2002
 
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