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Ein Leben im Gefühlschaos

MysticAngel, 16 Jahre

Leider kann ich mich an meine Kindheit kaum erinnern, aber was ich weiß, werde ich erzählen...
 
Ich bin MysticAngel, 16 Jahre und meine Eltern leben in Baden-Württemberg. Ich bin extrem sehbehindert, gelte beim Gesetz schon als blind.
 
Ich habe 3 jüngere Geschwister, eine Menge Haustiere und meine Familie wohnt in einer Dreizimmerwohnung.
 
Ich denke, ich fange ganz am Anfang an... Als meine Mutter mit mir schwanger war, verließ mein leiblicher Vater sie, ich vermute mal, dass zu dieser Zeit schon bekannt war, dass ich KEIN Junge werden würde. Als ich dann auf der Welt war, mussten wir erst einen Vaterschaftstest machen, damit ich als das Kind meines Vaters anerkannt wurde.
 
Mein 2. Vater war soweit ich weiß Alkoholiker und ihm verdanke ich viele Freiflüge hinter die Kommode, unter den Tisch und was weiß ich noch wohin. Wie alt ich war, als meine Mutter meinen 3. Vater heiratete, der auch der Vater meiner 3 Geschwister ist, weiß ich nicht.
 
Aus dieser Zeit habe ich leider nur eine Erinnerung und bin mir noch nicht einmal mehr sicher, wer der Täter war. Es war nacht, sehr spät sogar, als einer meiner Väter (ich weiß, das klingt blöd) gegen die Tür hämmerte und meine Mutter irgendwas davon brüllte "für dich ist MysticAngel ja nur ein Stück Scheiße!!". Das Klirren der Tür war sehr metallisch und angsteinflößend.  Ansonsten war mein Vater aber sehr liebevoll, soweit meine Mutter erzählt. Er muss alles für mich getan haben.
 
Mit 4 Monaten erkannte meine Mum dann, dass etwas mit meinen Augen nicht stimmte, aber kein Arzt konnte was feststellen. Ich trug verdammt oft eine Brille, als ich so bestimmt ein Jahr oder so war. Als man erkannte, dass ich zu dünne Sehnerven habe, war es für eine OP schon zu spät, das Risiko zu groß.
 
Mit 3 Jahren sollte ich dann in den Kindergarten kommen, so wie jedes kleine Kind. Aber dort wo ich wohnte, wollte mich kein Kindergarten aufnehmen. Also musste ich in eine Schule für Blinde und Sehbehinderte, bzw. Mehrfachbehinderte. Dort konnte ich in den Kindergarten, durfte aber nur am Wochenende und den Ferien nach hause. Laut meinen Eltern hatte ich dort eine sehr schöne Kindheit und natürlich auch zuhause.
 
Dem Kindergarten folgten 4 Grundschuljahre, die meinen weiteren Weg doch sehr geprägt haben. Anfangs waren wir noch 5 oder 6 SchülerInnen, in der 4. Klasse waren wir nur noch zu zweit. Wir waren mit einer Lernbehindertenhauptschulklasse die einzigen, die nicht noch zusätzlich mehr oder weniger geistig behindert waren. Wegen der mehrfach behinderten Kinder konnten sich meine Betreuer natürlich nicht so um mich kümmern wie eine Mutter es vielleicht getan hätte.
 
Meine Eltern wohnten in einem Haus, als ich eingeschult wurde. Dort verbrachte ich die Kindheit außerhalb des Internates. Ich erlebte bestimmt sehr viel, kann mich aber leider nur an einige für mich sehr schlimme Streitereien zwischen meinen Eltern, an meine Katzen und einigen anderen "Belanglosigkeiten" erinnern. Eine dieser "Belanglosigkeiten" war z.B. dass ich, wenn mir alles zuviel wurde teilweise zu meinen Geschwistern gesagt habe, dass ich aus dem Fenster springe und auch auf dem Fensterbrett stand (war aber nur der 2. Stock).
 
Dann kann ich mich noch daran erinnern, dass ich mir mit 9 oder 10 Jahren einige Male meine Handgelenke aufgekratzt habe. Wie tief es war, kann ich nicht sagen, aber dort wo ich es getan hatte, glänzte es rot. Ich weiß auch nicht mehr, warum ich das gemacht habe... Meine Mutter hat die Wunden entweder nicht gesehen oder will es nicht wahrhaben, vielleicht erinnert sie sich auch nur nicht mehr daran...
 
Nach meiner "Isolation" kam ich dann auf eine Grund- und Hauptschule im Schwarzwald, wo die Kinder nur blind oder sehbehindert waren. Dort musste ich verdammt viel Neues lernen, z.B. Konflikte austragen usw., was man mit Mehrfachbehinderten nicht machen kann. Auch sonst hatte ich noch sehr viel zu lernen, wovon ich mittlerweile behaupte, dass ich es mehr oder weniger kann... Nur mit Konflikten kann ich teilweise immer noch nicht umgehen und leider auch mit zu starker Kritik. Ob ich mich zu diesem Zeitpunkt schon hasste weiß ich nicht mehr. Was ich weiß, ist, dass ich ein Mitläufer war. Ich musste mich immer der Meinung anderer anpassen, ich wollte nicht allein dastehen. Das hat sich heute mittlerweile gelegt, nur manchmal bin ich noch in Kleinigkeiten an der Allgemeinheit orientiert.
 
Als ich mit 12 oder 13 auf ein Gymnasium nach Hessen kam, wo ich nur noch alle 2-4 Wochen nach Hause kam, lernte ich das "wirkliche" Leben kennen. Mehrere Jungs fliegen auf einen, man hat sehr viele unterschiedliche Lehrer usw. Sogar die Wohngruppen (WGs) sind anders. In "normalen" Internaten sind das Gruppen, die alle auf einem Gelände liegen, nicht so in Hessen (auf dieser Schule), hier sind die WGs, zumeist mit 8 Personen (die noch minderjährig sind), in der Stadt verteilt. Erst wenn man 18 ist, kann man auf SWGs wechseln. SWGs sind Wohngruppen ohne ständige Betreuung, wo man hauptsächlich auf sich selbst gestellt ist. Egal, das tut nichts zur Sache...
 
In der 7 rannten mir einige Jungs hinterher, und ich, blöd wie ich war, verarschte ich einige von ihnen, egal ob bewusst oder unbewusst... Die Rache erfolgte ein halbes Jahr später. Ich weiß nicht mehr, was zuerst kam, das Runtermachen oder die Drohbriefe. Von 3 WG-Mitbewohnern bekam ich Drohbriefe, die mir alle Angst einjagten. Das Schlimmste geschah jedoch, als es dunkel war. Ich war frisch geduscht und hatte Besuch von 2 der 3 Übeltätern. Etwas flog gegen die Fensterscheibe. Einer der 2 oder waren es 3? rannte raus und brachte mir den Drohbrief, auf dem stand: "tot, tot!!! Du wirst in der Hölle schmoren! Satan freut sich schon!!!", dann rannte er raus und man hörte kurz darauf einen Schrei und er kam glaub ich wieder rein und meinte, dass der Angreifer ein Messer hätte. Mit dem Gang zu meinen Betreuern endete das. Aber ich wurde in der Klasse weiterhin runtergemacht, wie der letzte Dreck behandelt. Meine Freunde blieben neutral, ich hatte das Gefühl, ganz allein dazustehen. Unsere damalige Klassenlehrerin, damals war ich in der 8. Klasse, das Mobbing dauerte mittlerweile schon 1 Jahr, ich hatte schon keinen Bock mehr auf die Schule, in der WG verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer und las nur noch, sorgte dafür, dass die betreffenden Schüler eine Abmahnung unseres Direktors bekamen, was zum Glück alle wieder zur Besinnung brachte.
 
Während dieser Zeit wollte ich eigentlich auch nicht mehr leben. Ein Lied, aus dem Bereich Synthpop/Gothic/Darkwave, zu der Zeit kam ich nämlich mit dieser Musik leicht in Berührung und sie gefiel mir, gab mir Hoffnung: "Einst wird man euch brauchen, dessen seid gewiss, auch wenn es noch nicht heute und in diesem Leben ist...". Diese Hoffnung, dass es irgendwann jemanden geben würde, der mich braucht, hielt mich am Leben und ließ mich nicht aufgeben.
 
Tatsächlich lernte ich einen total lieben Jungen kennen, mit dem ich eine glückliche, mit der Zeit aber nicht gerade einfache Beziehung hatte. Nach einem Hick-Hack zwischen Trennung und Wiederversuchen trennten wir uns dann entgültig.
 
Relativ kurze Zeit darauf lernte ich (leider) wieder einen Jungen kennen, bei dem ich das Gefühl hatte, dass wir irgendwie seelenverwandt wären. Alle warnten mich vor ihm, aber ich ging doch eine Beziehung mit ihm ein. Anfangs war die Beziehung durchweg schön, doch bald wurde alles irgendwie Horror und was weiß ich was. Durch meinen damaligen Freund kam ich auch zum Satanismus. Ich nenne ihn einfach mal X. So lieb X am Anfang auch war, er verwandelte sich doch mehr und mehr zum Macho. Nur seine Seele verriet mir, dass er nur eine Maske trug, diese verborgene Seele, von der ich hoffte, dass sie zum Ausdruck kam, liebte ich. Ich denke mal, ich tue für meinen Partner doch sehr viel und passe mich (leider) auch an ihn an. In Sachen Satanismus heißt das, dass ich total stark an Satan glaubte und darum auch alles für meinen Glauben tat - außer ein Lebewesen töten!!
 
Es geschahen einige Dinge, über die ich hier nicht reden kann, weil die Erinnerung immer noch verdammt weh tut, nur soviel: ich habe gelernt, wie tief ein Mensch sinken kann, wie sehr man sich selbst hassen kann, wieviel Angst man aushalten kann, bevor man einfach durchdreht und hysterisch wird... Ich glaube, in dieser Zeit begann ich mich wirklich extrem bewusst zu hassen, wollte sogar oft sterben oder tot sein... Ich lebte teilweise nicht mehr ganz in der Realität, glaubte an eine Parallelwelt, in die ich kommen würde, wenn ich ein "Tor" dorthin finden würde, aber ich durfte KEINEN Selbstmord begehen, sonst würde ich in eine "Hölle" kommen. Dieser Glaube hielt mich am Leben.
 
"Gasen" und Alkohol waren eine Fluchtmöglichkeit, die wir für kurze Zeit nutzten. Mittlerweile trinke ich nicht mehr aus irgendeinem Irrglauben, denn einmal hat mir X weisgemacht, dass ich im besoffenen Zustand eine "Vision" bekommen würde und er half mir dabei, mich abzufüllen. Ich trank eine Flasche Chianti, woran ich mich noch erinnern kann, Whiskey, dessen Geschmack mich heute noch zum Kotzen bringen könnte, Apfelkorn und ein bisschen Strohrum mit Strohhalm. Eine Alkoholvergiftung war vorprogrammiert. Als ich aus dem "Delirium" einigermaßen raus war, bekam ich zu hören, dass einige Personen mit mir Geschlechtsverkehr hatten, worauf ich mich eigentlich umbringen wollte, aber mein Kreislauf war leider zu schwach...
 
Am 11. November wurde mir und X alles zuviel, die Probleme zu groß, also machten wir die Flatter. Wir hauten zu einem Kumpel ab, dem ich mein Leben in die Hand geben würde. Mit ihm verbrachten wir eine lustige Nacht. Wir lachten viel, wir unterhielten uns und stellten dabei fest, dass der Freund, bei dem wir waren (ich nenne ihn Y) ein sehr großes Allgemeinwissen und verdammt viel Erfahrung hatte. Mal abgesehen davon, dass er es geschafft hat, dass wir uns der Polizei gestellt haben und zurück nach hause gingen, erkannte er genau, wo wir unsere Probleme hatten. Dort fiel auch der Begriff "Borderline" im Zusammenhang mit mir... Aber ich begriff nichts davon...
 
Kurze Zeit nach der Abhauaktion ging ich in Therapie und fing auch an, mich leicht zu ritzen. Viele Leute können mich nicht einschätzen, ich schwanke für einige/viele? in Extremen. Meine Stimmung kann von einer Sekunde auf die andere wechseln, "harmlose" Dinge können mich extrem runterziehen und das Vertrauen in Freunde, Eltern und Betreuer war auch schon mal besser.
 
Im Dunkeln habe ich oft, sofern ich allein bin "Horrorflashs" in denen ich irgendwelche Fratzen und so sehe, egal ob draußen oder in einem Zimmer in meiner WG, aber irgendwie liebe ich auch die Dunkelheit. Für meinen Geschmack zu oft habe ich das Gefühl, einfach nicht mehr da zu sein, mich nicht mehr zu spüren, oder das Gefühl, dass ich nicht mehr da bin insofern, dass ich gar nicht mitkriege, was um mich rum passiert.
 
Früher war ich gut in der Schule, jetzt bin ich es zwar auch noch, aber der Unterricht fliegt einfach an mir vorbei. Fragt man mich jetzt z.B. was wir heute gemacht haben, kann ich mich an fast nix, höchstens das Nötigste erinnern. Aber nicht nur im Bereich Schule vergesse ich Dinge, auch Dinge, die ich mal gesagt habe, die Freunde oder Eltern oder so gesagt haben verschwinden einfach. Der Selbsthass ist auch immer stärker geworden, dieses Gefühl, der letzte Dreck zu sein. Einfach sterben, das wäre schön...
 
Mittlerweile kann ich ohne laute Musik nicht mehr allein auf die Straße. Dieses Gefühl, von allen angestarrt, gehasst zu werden und einfach nur fremd und dreckig zu sein ist sonst unerträglich. Oft fühle ich mich einfach dreckig und würde am liebsten duschen, bis alles weg ist, aber schon nach kurzer Zeit, nachdem ich aus der Dusche rauskomme, könnte ich mich manchmal sofort wieder darunter stellen... Im Spiegel schaue ich mich nur noch an, wenn ich überprüfen muss, ob ich einigermaßen gepflegt aussehe, mehr geht einfach nicht... Mein Gesicht, mein Körper ist ein einziger Alptraum, entstellt, hässlich, zu dick, zu blass, einfach widerlich!!!
 
Der Drang zu ritzen ist mal stärker, mal schwächer. Es kam auch schon vor, dass ich mich zweimal am Tag geritzt habe. Der Drang, mich immer tiefer zu verletzen, so dass es immer stärker blutet, es immer öfter zu tun, wird immer stärker. Wenn ich ritze, dann muss es möglichst tief gehen und möglichst viel Blut spritzen, dass es gut tut, aber so tief gehe ich zum Glück noch nicht, aber was wird beim nächsten Mal sein???<
 
13.05.2002
 
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