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Ein leeres Leben - dennoch voller Haß, Angst und Sehnsucht

Loreena, 23 Jahre

Mein Name ist Loreena*, ich bin mittlerweile 23 Jahre alt.
Es ist schwierig für mich zu datieren, wann "alles" angefangen hat; denn eigentlich hat sich bei mir alles sehr schleichend entwickelt, seit der Kindheit habe ich immer wieder Ablehnung erfahren, von den Eltern, anderen Kindern, später von Mitschülern, von Männern. Bereits im Kindergarten hatte ich das Gefühl, "irgendwie anders" zu sein, konnte es aber damals nicht zum Ausdruck bringen, geschweige denn, mich jemandem anvertrauen.
 
Die Jahre bis zum 11. Lebensjahr verliefen für meine Mitmenschen unauffällig. Zwar fühlte ich mich den anderen nie zugehörig, verdrängte dies aber, setzte all meine Ressourcen für eine forcierte Anpassung ein.
Später begann dann ein neuer Lebensabschnitt, welcher für mich und auch für meine Eltern unerträglich wurde: Mein Verhalten wurde zusehends dissozial, meine schulischen Leistungen wurden immer schlechter, keiner jedoch wußte was mit mir los war, geschweige denn ich selbst. Meine Eltern reagierten auf mein sozial auffälliges Verhalten mit drakonischen Strafen. Nach dem "Warum" hat niemand gefragt. Bereits mit 11 Jahren hegte ich Pläne, meinem Leben ein Ende zu setzen. Warum, wußte ich nicht.
Die nächsten Jahre verliefen wieder etwas ruhiger und unauffälliger - zumindest für Außenstehende. Obwohl ich es immer verdrängte, kam ich von dem Gedanken nicht los, daß etwas mit mir nicht stimmte. Als ich 14 war, fing alles an, zu eskalieren: es gab Schulverweise, täglich Streit mit meinen Eltern, Alkoholmißbrauch, Ladendiebstähle. Ich fing an, mich zu hassen. Meine Eltern interpretierten mein Verhalten in die Richtung, daß ich sie bestrafen wolle, ihnen das Leben erschweren wolle.
An einen Hilferuf hatte niemand geglaubt.
 
Mit Knapp fünfzehn Jahren suchte ich auf eigene Faust einen Psychotherapeuten auf. Nicht zuletzt deshalb, weil meine Versetzung in die zehnte Klasse aussichtslos war. Nachdem ich ihm mein Leben in Kurzform geschildert hatte, äußerte er einen Verdacht, welcher mich schockierte: ich sei hochbegabt und maßlos unterfordert. Test bestätigten dies. Damals brach ich in mir zusammen, ging nicht mehr zur Schule, nahm durch Depressionen zehn Kg ab. Ein stationärer Therapieversuch scheiterte, Schulabschluß hatte ich auch keinen. Meine Eltern meldeten mich an einer Abendrealschule an, als ich fünfzehn war. Obwohl ich jetzt über das Bewußtsein verfügte, daß ich sehr viel leisten kann, blieben meine schulischen Leistungen auf unterstem Niveau.
Zwar war die Begabung ein Grund für mein Gefühl, anders zu sein, aber wohl nicht der einzige.
Ich wurde magersüchtig. An meinem sechzehnten Geburtstag wog ich 37 Kg. Die Therapie bei dem besagten Therapeuten war beendet, da das Kontingent ausgeschöpft war. In die Abendschule ging ich weiterhin, wenn ich auch oft schwänzte. Meine Magersucht schlug irgendwann in Bulimie um. Ständig erbrach ich mich, bis es blutete. Gleichzeitig nahm ich Abführmittel, die ich irgendwann auf bis zu 150 Tabletten am Tag steigerte.
Therapie wollte ich keine machen, ich glaubte daran, es würde sich alles von selbst regeln.
Meinen Realschulabschluß machte ich dann mit 17, die Eßstörung hielt ich auf einem Minimum.
Jetzt wollte ich Abitur machen. Abendgymnasium. In ein paar Monaten war die Aufnahme.
Auf einmal hatte ich das Gefühl, mich keine Sekunde länger ertragen zu können. Ich hatte furchtbare Angst, in diesem Körper stecken zu müssen, schlug mehrmals mit dem Kopf gegen die Wand. Ich hatte nur noch Angst, Angst, Angst. Ich fühlte mich nicht mehr. Eine Leere breitete sich in mir aus, die nie wieder verschwand.
All meine Hoffnung setzte ich in Tabletten: Antidepressiva und Tranquillizer. Aber ES in mir war stärker. 18-jährig - nun Schülerin des Abendgymnasiums mit sehr guten Leistungen und auch ansonsten sehr fröhlich - unternahm ich meinen ersten Suizidversuch mit einer Überdosis Antidepressiva. Zwei Monate später der zweite mit Tabletten und Alkohol, den ich nur um ein Haar überlebte. Ich wurde stationär eingewiesen, aber nach einigen Wochen gelang es mir, mich "herauszugrinsen". Ich vermittelte den Eindruck, mir gehe es gut, versuchte auch krampfhaft, selbst daran zu glauben. Ich ging wieder ambulant in Therapie: Diagnose Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderlinetypus.
Ettikettiert. Aber leider wahr.
Es folgten Therapeutenwechsel, da ich bei jedem das Gefühl hatte, nicht verstanden zu werden.
Es folgte eine Zeit ohne Therapie.
 
Mit ca. 21 Jahren verletzte ich mich erstmals offen, nahm dies jedoch nicht als solches wahr, zumal ich mich nur leicht ritzte. Meinem nächsten Therapeuten erzählte ich nichts davon.
Mit 22 machte ich mein Abitur, dann ging mir die Kraft aus.
Nichts, aber rein gar nichts hatte sich in meinem Leben verändert. Ich fühlte mich nicht, wußte nicht, wer ich bin, alles war so entsetzlich leer, dennoch angsterfüllt. Die Angst habe ich mit Lorazepam betäubt, bis zum heutigen Tag. Ein Erlebnis schien mich immer wieder einzuholen: mit zwanzig wurde ich von einem "Therapeuten" sexuell mißbraucht.
Ich fing an, mich immer mehr zu hassen.
Einerseits kochte ich vor Wut, anderseits war ich innerlich tot.
Ichloses Leben, lebloses Ich.
Eines Tages lief ich barfuß in eine Schere. Es blutete stundenlang, man konnte den Knochen sehen. Als das warme Blut über meine Haut strömte fühlte ich etwas. Ich fühlte mich.
Seit diesem Schlüsselerlebnis vor einem Jahr verletze ich mich täglich, mindestens zweimal in der Woche schneide ich mich so tief, daß ich meine Verletzungen nähen lassen muß. Ich bin mittlerweile übersät von Narben. Immer wieder verspüre ich das Bedürfnis, mir wehzutun, mich zu fühlen, mich zu versichern, daß ich noch lebe.
Es ist eine Sucht. Mit Toleranzentwicklung. Ich muß die "Dosis" ( Häufigkeit und Tiefe der Schnitte ) ständig erhöhen, um den gewünschten Effekt zu erreichen. Das Schneiden ( als "ritzen" kann man es bei mir nicht mehr bezeichnen ) ist für mich die einzige Möglichkeit zu (über-)leben.
Das Schneiden selbst - es tut nicht weh. Schmerzvoll sind die Gründe für mein selbstverletzendes Verhalten.
 
05.05.2002
 
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